«Nur noch 60 Ernten weltweit»: Der Faktencheck zur Countdown-Behauptung
«Nur noch 60 Ernten weltweit, dann ist Schluss» klingt wie der Countdown zum Hunger-Kollaps. Die Zahl wirkt wissenschaftlich, ist es aber nicht. Ich zeige, woher sie kommt und wieso sie Angst auslöst.

Kurz & bündig
Ein Satz geht viral: «Nur noch 60 Ernten weltweit, dann ist Schluss» – klingt wie Wissenschaft, wirkt wie Endzeit. Der Faktencheck zeigt, woher er kommt.
Rom, 5. Dezember 2014, FAO: Aus einem Konditional (ein «Wenn-dann-Satz») wird über die Jahre ein apodiktischer Countdown.
Der Boden verschwindet nicht weltweit, er geht lokal verloren. Die Gründe: Verdichtung durch schwere Traktoren und Erosion durch Starkregen und Wind.
Mit regenerativer Landwirtschaft kann man den Boden schützen. Deshalb verzichten immer mehr Landwirte auf Pflug und Chemie.
Vom Countdown profitieren Politiker, Medien, Unternehmen, NGOs und Heilsbringer – die alle unsere Angst zu Geld machen. Das Fazit: Nicht Alarmismus schützt künftige Ernten, sondern bessere Fragen.
«Wir haben nur noch 60 Ernten weltweit, am Ende des 21. Jahrhunderts wird ein Grossteil der Menschheit verhungern.»
Als Quelle für dieses Zitat wird eine Studie der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO genannt.
Mit dem Kassandra-Ruf «Nur noch 60 Ernten weltweit, dann ist Schluss» verkaufen Influencer, Coaches und esoterische Anbieter teure Vollwert-Hochleistungsnahrung, Vitalpilz-Produkte oder Kreisgarten-Workshops. Angst vor der Apokalypse verkauft sich gut.
Wie Wiederholung Schlagzeilen wahr wirken lässt
Anfang 2025 veröffentlichten die renommierten Zeitungen «Tagesspiegel» und «Handelsblatt» einen Gastkommentar von Jeff Rowe, CEO des chinesisch-schweizerischen Agrartechnologie-Konzerns Syngenta. Rowe schreibt, «bis 2050 könnten rund 90 Prozent der Böden unfruchtbar sein».
Das erste Problem: Das Zitat «Nur noch 60 Ernten weltweit» war ursprünglich als schlimmst-mögliche Hypothese formuliert.
Das zweite Problem: Die Hypothese ist durch keine einzige wissenschaftliche Studie belegt.
Das dritte Problem: Die Medien haben für Zitat und Hypothese keine Quelle.
Trotzdem wurde das Zitat 2025 in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften ohne Einordnung weitergereicht. Zynismus wegen der Apokalypse verkauft sich gut.
Für die schnelle Weiterverbreitung sorgen Autoritätseffekte («Wenn das ‘Handelsblatt’ schreibt…») und Zeitdruck der Medien. Das Problem: Wenn Schlagzeilen oft genug wiederholt werden, werden sie zur Gewissheit – besonders, wenn sie auf das Feindbild der «bösen Bauern» zielen.

Ursprung des Satzes «Nur noch 60 Ernten weltweit»
«Nur noch 60 Ernten weltweit, dann ist Schluss» ist ein argumentativer Vorschlaghammer: eine einfache Zahl, eine klare Dramaturgie und moralischer Druck. Solche Zahlen machen uns Angst, so dass wir Geld in Lösungen stecken, die keine sind.
Man muss nicht Bob Woodward und Carl Bernstein sein, die 1972 den Watergate-Skandal enthüllten, um die Primärquelle für das Zitat zu finden. Eine kurze Recherche genügt, um Tag, Ort und Person genau festzulegen:
Am 5. Dezember 2014 trafen sich Vertreter aus Politik, Forschung und Nichtregierungsorganisationen im Hauptquartier der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO in Rom. Anlass war der erste UNO-Weltbodentag.

Vom «Wenn-dann» zum «60-Ernten»-Countdown
In einer Gesprächsrunde am UNO-Weltbodentag sagte die stellvertretende FAO-Generaldirektorin für natürliche Ressourcen Maria Helena Semedo:
«Die Bildung von drei Zentimetern Oberboden dauert 1000 Jahre. Wenn der Boden mit der heutigen Geschwindigkeit weiter seine Fruchtbarkeit einbüsst, dann könnte der gesamte Oberboden der Welt innerhalb von 60 Jahren verschwunden sein.»
Maria Helena Semedo formulierte ausdrücklich im Konditional, also in einem «Wenn-dann-Satz». So wurde sie auch von der Nachrichtenagentur Thomson Reuters zitiert: «If current rates of degradation continue all of the world’s top soil could be gone within 60 years.»
Aus diesem «Wenn-dann-Satz» wurde mit den Jahren ein apodiktischer Countdown, eine scheinbar unumstössliche Wahrheit: «Nur noch 60 Ernten weltweit, dann ist Schluss».
Der Konditional verschwand. Für das Verständnis wichtige Fakten bleiben unerklärt – vor allem, was der Oberboden überhaupt ist.

Oberboden verstehen: Entstehung, Aufbau, Zeitmassstäbe
Oberboden ist die oberste, dunklere und lockere Bodenschicht von rund 30 Zentimetern. Die Landwirte sprechen von der Ackerkrume. In dieser Bodenschicht wurzeln die meisten Kulturpflanzen, hier arbeiten Regenwürmer, Pilze und Mikroben.
Der Oberboden enthält Humus und Nährstoffe, speichert Wasser und ist damit zentral für die Ernte-Erträge eines Feldes. Von den Erträgen hängen wiederum Preis- und Versorgungsschwankungen ab.
Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Traktoren und Geräte immer schwerer, und der Pflug dominiert den Ackerbau.

Die Arbeitspferde verschwanden, die Traktoren übernahmen – und wurden immer grösser und schwerer. Damit stieg der Bodendruck. Wenn ein Traktor der 1950er-Jahre noch 1 Tonne wog, belasten heutige Traktoren den Boden mit 4 bis 10 Tonnen.
Diese intensive Bewirtschaftung verdichtet den Oberboden stark. Verdichtete Böden nehmen Wasser schlechter auf, reagieren empfindlicher auf Trockenheit und Starkregen – und werden anfälliger für Erosion.
Der Oberboden verschwindet aber nicht weltweit, wie mit dem Zitat «Nur noch 60 Ernten weltweit» behauptet wird. Die fruchtbare Ackerkrume wird lokal durch Erosion abgetragen. In einigen Regionen mehr, in anderen weniger.
Mit geeigneten Bodenschutz-Massnahmen lässt sich der Oberboden nämlich stabilisieren, ja sogar wieder aufbauen. Diese Massnahmen habe ich in einer Serie über regenerative Landwirtschaft beschrieben.

Forschende: Kein globaler «60-Ernten»-Timer
Forschende der Universitäten in Lancaster (Grossbritannien) und Leuven (Belgien) haben die «Lebensdauer» von Böden in der globalen Studie «Soil lifespans and how they can be extended by land use and management change» untersucht.
Als Lebensdauer definieren die Forschenden die Zeit, die es bei heutigen Nutzungs- und Erosionsraten dauert, bis der Oberboden abgetragen oder stark beeinträchtigt ist. Ihr Fazit:
«Bei einer weiterhin intensiven Bewirtschaftung haben nur 16 Prozent der untersuchten Böden eine Lebensdauer von unter 100 Jahren. Je nach Region kann es aber auch mehrere Jahrhunderte dauern.»
«Dies widerspricht der weit verbreiteten Behauptung, dass weltweit nur noch für 60 Ernten Oberboden übrig sind», schreiben die Forschenden. «Diese Behauptung ist zu alarmistisch, da intensiv bewirtschaftete oder sogar kahle Böden eine Lebensdauer von über 60 Ernten haben.»

Erosionsgefährdet: Was das für den Oberboden heisst
«Erosionsgefährdet» sind Böden, wenn bei Starkregen oder Wind fruchtbarer Oberboden abgeschwemmt oder verweht wird. Wie viel Boden tatsächlich verloren geht, hängt stark davon ab, wie lange die Äcker unbedeckt sind und wie sie bewirtschaftet werden.
«Erosionsgefährdet» definiert das erhöhte Risiko bei Wetterereignissen und Bewirtschaftung und nicht: so viel Boden geht jedes Jahr sicher verloren.
Die regenerative Landwirtschaft schützt den Boden, bindet Kohlenstoff und fördert den erneuten Humus-Aufbau.
Mit Gründüngung, Zwischenfrucht, ständiger Bodenbedeckung und ohne Pflug kann mit regenerativer Landwirtschaft ein Zentimeter Humus in 3 bis 10 Jahren aufgebaut werden. Der Aufbau ist abhängig von der Bodenart (ideal sind bewässerte Lehmböden), Klima und minimaler Bodenbearbeitung.
Erosionsrisiko in Deutschland, Österreich, Schweiz
Die DACH-Länder definieren «mittel bis sehr stark erosionsgefährdet» unterschiedlich, weshalb die folgenden Prozentwerte eine gewisse «Unschärfe» haben.
🇩🇪 In Deutschland gelten 35 Prozent der Ackerflächen als mittel bis sehr stark durch Wasser-Erosion gefährdet. Weitere 25 Prozent der Ackerflächen sind auch durch Wind-Erosion gefährdet – vor allem in offenen, sandigen Regionen.
🇦🇹 In Österreich gibt es weniger stark erosionsgefährdete Regionen. Aber im Alpenvorland gelten 34 bis 37 Prozent der Ackerflächen als mittel bis sehr stark erosionsgefährdet.
🇨🇭In der Schweiz gelten 10 Prozent der Ackerflächen als mittel bis sehr stark durch Wasser-Erosion gefährdet.
Wichtig: Diese Prozentwerte beziehen sich ausschliesslich auf Ackerland, denn Grasland ist deutlich weniger erosionsanfällig. Und die Landwirtschaft der DACH-Länder ist stark graslandbasiert:
🇩🇪 In Deutschland liegt der Anteil von Dauergrünland an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche LN bei 28 Prozent.
🇦🇹 In Österreich liegt der Anteil von Dauergrünland an der gesamten LN bei 46 Prozent.
🇨🇭In der Schweiz liegt der Anteil von Dauergrünland an der gesamten LN bei 72 Prozent (inklusive Sömmerungsflächen in den Bergen). Deshalb ist auch die Erosionsgefährdung tiefer als zum Beispiel in Deutschland.

Qui bono: Wer profitiert vom «60-Ernten»-Countdown?
Kommen wir zur Frage: Wer profitiert vom apodiktischen Countdown-Satz «Nur noch 60 Ernten weltweit, dann ist Schluss»?
Die Politik profitiert, weil der Satz Handlungsdruck legitimiert: Er rechtfertigt Programme, Budgets und Regulierung – und erlaubt später die Botschaft «wir haben gehandelt», auch wenn Ursachen und Wirkung schwer messbar bleiben.
Unternehmen profitieren, wenn sie sich als Lösungsanbieter positionieren können, etwa mit Beratung und Technik für CO₂ bindende Klimaleistungen der Landwirtschaft. Ein drohendes Ende schafft Märkte für Schnellschuss-Lösungen, welche die Symptome und nicht die Ursachen bekämpfen, sowie Labels und Zertifikate.
Forschende profitieren, weil Alarmzahlen die Aufmerksamkeit und Förderlogik verstärken: Projekte lassen sich leichter finanzieren, wenn «die Zeit davonläuft».
Medien profitieren, weil der Countdown-Satz Aufmerksamkeit garantiert: Er erhöht Klickraten, Verweildauer und Teilbarkeit in den Social Media, während sich die komplizierte Realität schlechter verkauft.
Nichtregierungsorganisationen NGO profitieren, weil Dringlichkeit mehr Spenden und neue Mitglieder generiert, die Petitionen und Kampagnen finanzieren. Wer eine Krise in eine Zahl giesst, bekommt schneller Zustimmung als mit nüchternen Bandbreiten.
Influencer, Coaches und esoterische Anbieter profitieren, weil Angst die Kaufbereitschaft erhöht und einfache Erzählungen einfach verstanden werden.

Von der Zahl zur Engstelle: Bodenschutz, der wirkt
Gemeinsam ist all diesen Profiteuren: Der apodiktische Satz «Nur noch 60 Ernten weltweit, dann ist Schluss» reduziert Unsicherheit auf eine Zahl. Und Zahlen wirken wie Fakten, selbst wenn sie methodisch dünn sind.
Der strukturelle Anreiz für Politiker, Unternehmen, Forschende, Medien, NGOs und Heilsbringer ist daher nicht Wahrheit, sondern Wirkung: Aufmerksamkeit, Mobilisierung, Legitimation und Umsatz.
Mein Fazit: Es gibt keinen wissenschaftlich belastbaren, globalen 60-Ernten-Timer, der uns das Ende der landwirtschaftlichen Ernten ankündigt.
Aber der Boden ist trotzdem eine reale Engstelle: In manchen Regionen wird er schnell abgetragen, verdichtet oder ausgelaugt. Genau dort wird er zur politischen und agronomischen Aufgabe – die sich lösen lässt, wenn man sauber misst, lokal denkt und konsequent handelt.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie viel Panik eine Zahl auslöst, sondern welche Bewirtschaftung den Oberboden schützt – und welche Anreize das belohnen. Nicht Alarmismus, sondern bessere Fragen.



Danke für den tollen Artikel! Ich verstehe Ihre Zugänge und Argumentation, gleichzeitig möchte ich schon noch ein paar andere Aspekte mit einbringen: Diese Zuspitzungen in der Kommunikation liegen meiner Meinung nach auch der (aktuellen) Medienlogik begründet, die keine Zeit und keinen Platz für differenzierte Auseinandersetzung hat. Alles was mehr als eine Zahl und Kernaussage bedeutet, wird nicht mehr gedruckt. Zusätzlich ist die Sorge um eine weitere Verschlechterung und Zerstörung unserer Böden durchaus berechtigt, wenn man sich die aktuellen Entwicklungen auf EU-Ebene ansieht (Stichworte "Omnibusse" und "MFF").