Ärzte warnen vor Überlastung des Gesundheitssystems und fordern rasche Ernährungswende
Bleibt unsere Ernährung wie heute, zahlen wir doppelt: mehr Krankheiten und mehr Schäden an Klima und Umwelt. Ärzte warnen: Ernährungsbedingte Erkrankungen treiben das Gesundheitssystem an die Grenze.

Kurz & bündig
ÄrztInnen und Ernährungsforscher warnen vor steigenden ernährungsbedingten Erkrankungen und Kosten fürs Gesundheitssystem.
Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften BBAW fordert konkrete Massnahmen für eine gesunde und nachhaltige Ernährung.
Für eine Ernährungswende braucht es klare Rahmenbedingungen – und nicht nur gut gemeinte Appelle, die ungehört verhallen.
Der grösste Hebel liegt dort, wo Millionen täglich essen: in Kitas, Schulen, Kliniken und Kantinen.
Wenn wir das Ernährungssystem in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht rasch ändern, geraten die Gesundheitssysteme unter Druck. Das sagten Ärztinnen und Ernährungsforscher bei einer Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften BBAW in Berlin.
Die Kernaussage der Gesundheits-Fachleute: «Es gibt kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.» Die Instrumente sind bekannt – doch Politik und Wirtschaft setzen sie nur halbherzig um. Oft bremst Lobby-Druck Reformen aus.
Politik, Lebensmittelindustrie und Lebensmitteleinzelhandel sollten endlich die Ernährungswende umsetzen, fordern die Gesundheits-Fachleute. Sonst entstehen Schäden an unserer Gesundheit, aber auch an Klima und Umwelt, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.
Was das konkret für Konsumentinnen bedeutet – und warum weniger Fleisch im System so viel verschiebt – habe ich hier vertieft:
Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat in einem dreijährigen Projekt die Handlungsfelder einer längst überfälligen Ernährungswende identifiziert.
Die fächerübergreifend wissenschaftlich fundierten Empfehlungen haben sie in zwei «Denkanstössen aus der Akademie» festgehalten:
Die Zukunft unserer Ernährung: Ernährung und Gesundheit (PDF zum Download)
Die Zukunft unserer Ernährung: Nahrungsmittelproduktion und Nahrungsmittelqualität (PDF zum Download)
In einer ersten Veranstaltung informierten Gesundheits-Fachleute Mitte Februar 2026 zum Themenschwerpunkt «Gemeinschaftsverpflegung in Kinder- und Gesundheitseinrichtungen».
Für eine Ernährungswende braucht es klare Rahmenbedingungen statt Appelle
«Beim Thema Prävention durch Ernährung besteht grosser Handlungsbedarf, der es notwendig macht, die Politik zu alarmieren und Massnahmen zur Verhältnisprävention nun mit Nachdruck einzufordern.» Das betont die Berliner Fachärztin Annette Grüters-Kieslich.
«Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, nicht in Gesundheit und frühe Prävention zu investieren», unterstreicht der Berliner Facharzt Georg Seifert den Appell einer Kollegin.
Mit einer gesunden Ernährung könne neben regelmässiger Bewegung ein wichtiger Beitrag zur Krankheitsprävention geleistet werden, sagt auch der Potsdamer Molekularbiologe Ralph Bock vom Max-Planck-Institut.
Die Fachleute sind sich einig: Die DACH-Länder stehen vor grossen gesundheitspolitischen Herausforderungen. Damit die Krankheitslast sinkt, muss sich die Bevölkerung im Schnitt gesünder ernähren. Sie fordern deshalb eine Ernährungswende, für die es klare Rahmenbedingungen braucht – und nicht nur gut gemeinte Appelle, die ungehört verhallen.
Gemeinschaftsverpflegung als erster Themenschwerpunkt
«Einen besonders wirkungsvoller Hebel ist die Gemeinschaftsverpflegung in Kindergärten und Kindertagesstätten, Ganztagesschulen, Kantinen in Unternehmen und Universitäten, Krankenhäusern sowie Altersheimen und Pflegeheimen», sagt Georg Seifert.
«Die Gemeinschaftsverpflegung kann enorm zur Gesundheitsförderung beitragen.» Vor allem in Deutschland und Österreich isst ein grosser Teil der Bevölkerung regelmässig in Gemeinschaftseinrichtungen:
Österreich: 2,5 Mio Personen (27 Prozent der Bevölkerung)
Deutschland: 16 Mio Personen (19 Prozent)
Schweiz: 1 Mio Personen (11 Prozent)
Zum Vergleich: In den USA verpflegen sich 90 Mio Personen (26 Prozent) täglich in einer Gemeinschaftseinrichtung.
«Es gibt einen Riesenbedarf, sich mit der Gemeinschaftsverpflegung auseinanderzusetzen, so Annette Grüters-Kieslich. «Insbesondere beim Klinikessen ist noch viel Luft nach oben».
Das Krankenhaus sollte ein Ort der Genesung sein. «Es ist eigentlich verantwortungslos, wie Patienten dort verpflegt werden», kritisiert die Fachärztin.
Wie eine für das Klima und unsere Gesundheit verantwortungsvolle Gemeinschaftsverpflegung aussehen kann, zeigt das Green Kitchen Lab der Schweizer Gastrogruppe ZFV. Der ZFV serviert jährlich elf Millionen Mittagsmenüs in 220 Schweizer Personalrestaurants – von der Kantine des Schweizer Fernsehens SRF bis zum exklusivsten Restaurant der Schweiz, der «Galerie des Alpes» für Parlament und Regierung.
Eine Reportage aus dem Green Kitchen Lab folgt demnächst …
Die Ernährungswende ist kein «Nice-to-have»
Die Gesundheits-Fachleute fordern von der Politik koordinierte Aktivitäten über die verschiedenen Ressorts hinweg (Landwirtschaft/Ernährung, Gesundheit, Familie/Bildung, teils auch Wirtschaft und Soziales).
Sie fordern auch mehr sichtbare Positivbeispiele und Programme, die zeigen, was gesündere Verpflegung und bessere Ernährungsumgebungen konkret bewirken.
Die Ernährungswende sei kein «Nice-to-have», sondern eine gesundheitspolitische Notwendigkeit. Je länger Politik und Wirtschaft die Wende verschleppen, desto höher werden die Folgekosten – für Bevölkerung, Gesundheitswesen und öffentliche Haushalte.


