
Mehr Hülsenfrüchte essen – das empfiehlt sich leicht. Auf dem Acker sieht es anders aus: Ackerbohnen, Eiweisserbsen, Lupinen und Linsen müssen Ertrag bringen, Abnehmer finden und den Betrieben ein Einkommen sichern.
An dieser Lücke zwischen Ernährungsempfehlungen und landwirtschaftlicher Realität entzündet sich die Diskussion mit drei Schweizer Fachleuten aus Agrarwissenschaft, Umweltpolitik und Ernährungswirtschaft:
Urs Niggli plädierte für messbare ökologische Fortschritte, technologische Offenheit und eine rentable pflanzliche Produktion.
Eva Wyss zeigte, wie Städte mit Beschaffung, Gemeinschaftsgastronomie und eigenen Landwirtschaftsflächen eingreifen können.
Christof Dietler sieht den Staat nicht im Lead, den Wandel sollen Nachfrage, Kooperationen und unternehmerisch handelnde Betriebe voranbringen.
Urs Niggli setzt auch bei Bio auf Wirkung statt Lagerdenken

Urs Niggli ist Agrarwissenschaftler und Präsident des Instituts für Agrarökologie. Bis 2020 leitete er das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und prägte dessen Entwicklung zu einer international tätigen Forschungseinrichtung.
Die Bilanz von Urs Niggli fällt ernüchternd aus: «Trotz grosser Anstrengungen haben wir bei Biodiversität, Stickstoffüberschüssen und Pflanzenschutzmitteln noch keine Trendwende erreicht.»
Zugleich erschweren Hitze, Trockenheit und Wasserknappheit die Produktion. Auch der Humusaufbau könne nur begrenzt zum Klimaschutz beitragen.
Chemische Pflanzenschutzmittel und Düngung deutlich reduzieren
Eine einzelne Methode wie der Bio-Landbau wird diese Probleme nach Nigglis Einschätzung nicht lösen. Der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel und die Intensität der Düngung müssten aber deutlich sinken. Dafür verbindet er unterschiedliche Ansätze:
Präzisionslandwirtschaft und Pflanzenzüchtung
ertragreichere Formen des Biolandbaus und der Agrarökologie
physikalische und biologische Pflanzenschutzverfahren
vielfältigere Fruchtfolgen, Mischkulturen, Untersaaten, Agroforstsysteme und Nützlingsstreifen
Für Niggli zählt der nachweisbare Nutzen: «Entscheidend ist die Wirkung einer Massnahme und nicht ihre ideologische Zuordnung.»
Die pflanzliche Produktion muss auch für die Landwirtschaft rentabel werden
Der Bio-Vordenker Niggli warnt zugleich davor, die Ertragsfrage auszublenden. Der Bio-Landbau habe ein rund 30 Prozent tieferes Ertragspotenzial und lasse sich deshalb nicht beliebig ausweiten.
Sein Argument: Die wachsende Weltbevölkerung könne auf der bestehenden Ackerfläche nur ernährt werden, wenn die Erträge hoch bleiben.
Das wirtschaftliche Problem zeigt sich bei pflanzlichen Proteinen. Während verschiedene Ackerbaukulturen und Bereiche der Tierhaltung in der Schweiz, in Deutschland und Österreich rentieren, bleiben einheimische Ackerbohnen, Eiweisserbsen, Lupinen und Linsen für viele Betriebe wirtschaftlich schwierig.
«Eine stärkere pflanzliche Produktion lässt sich deshalb nicht allein über Ernährungsempfehlungen erreichen, sie muss auch für die Landwirtschaft rentabel werden», sagt Niggli.
Ökologische Vorgaben und technologische Offenheit
Von der Agrarpolitik verlangt Niggli strengere ökologische Vorgaben und mehr Einfluss auf die Ernährungsweise: «Fortschritte müssen mit nachvollziehbaren Indikatoren gemessen werden, die ökologische, wirtschaftliche und soziale Leistungen erfassen und von der Landwirtschaft bis zum Detailhandel gelten.»
Gleichzeitig müsse die Politik kontroverse Fragen offen angehen und Innovationen wie die Genom-Editierung zulassen.
Eva Wyss nutzt in Biel die Marktmacht der Städte

Eva Wyss ist Agrarwissenschaftlerin und leitet seit 2024 die Dienststelle Umwelt der Stadt Biel. Zuvor war sie in leitender Funktion beim Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern, beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und beim WWF Schweiz tätig.
Für Eva Wyss ist Ernährung ein kommunalpolitisches Thema. Die Stadt Biel/Bienne an der deutsch-französischen Sprachgrenze bezieht deshalb die Ernährung in ihre Klimapolitik ein.
«Weil das Ernährungssystem ein Viertel der konsumbedingten Treibhausgasemissionen verursacht, muss eine Stadt berücksichtigen, was in ihren Schulen, Betreuungseinrichtungen, Heimen und Personalrestaurants auf den Tisch kommt.»
377’000 Mahlzeiten aus der städtischen Produktionsküche als politischer Hebel
Die städtische Produktionsküche kocht für Schulen, Kitas und ein Alterszentrum jährlich 377’000 Mahlzeiten mit saisonalen Zutaten, mehrheitlich in Bioqualität und aus einer Entfernung von höchstens 35 Kilometern. Mit diesem Volumen setzt Biel ein Nachfragesignal an Landwirtschaft und Verarbeitung in der Region.
Die Charta Nachhaltige Ernährung der Schweizer Städte nennt sechs Handlungsfelder. Für die Praxis lassen sie sich zu drei kommunalen Hebeln bündeln:
Einkauf und Menüplanung in öffentlichen Verpflegungsbetrieben
ökologische Bewirtschaftung städtischer Landwirtschaftsflächen
Bildung, Kommunikation und der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten
Agrarpolitik auf gemeinsame Ziele ausrichten
Eva Wyss kritisiert, dass die heutige landwirtschaftliche Produktion weder den Empfehlungen für eine gesunde Ernährung noch den Anforderungen einer gesunden Umwelt ausreichend entspreche.
Direktzahlungen, Strukturverbesserungen, Marktstützung und Grenzschutz seien zu wenig auf gemeinsame Ziele ausgerichtet.
Von Politik und Marktakteuren verlangt sie deshalb:
mehr Förderung für Biolandbau, Kulturvielfalt und pflanzliche Proteine
Lebensmittelpreise, die ökologische und soziale Kosten besser abbilden
verbindliche Ziele für Detailhandel und Gastronomie gegen Lebensmittelverschwendung und Verkaufsanreize für ungesunde Ernährung
mehr Ernährungswissen in Schulen sowie in der Ausbildung von Köchinnen und Köchen
Wyss fordert damit eine Agrar- und Ernährungspolitik, in der Bund, Städte und Marktakteure auf dieselben Ziele hinarbeiten.
Christof Dietler vertraut auf Markt und Kooperation

Christof Dietler ist Agrarwissenschaftler und seit 2019 Geschäftsführer der IG Agrarstandort Schweiz (IGAS). Zuvor leitete er Bio Suisse und anschliessend die Agrarallianz von Schweizer Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt-, Tier- und Konsumentenschutz.
Im Unterschied zu Urs Niggli und Eva Wyss vertritt Christof Dietler eine dezidiert liberale Position: «Der effizienteste Weg zu einer nachhaltigeren Land- und Ernährungswirtschaft besteht darin, das Wissen und die Eigenverantwortung der gesamten Wertschöpfungskette zu nutzen.»
Dabei dürfe die Verantwortung nicht an der Landesgrenze enden: Die Interessen von Produzenten in Paraguay, Uruguay oder Brasilien seien ebenso zu berücksichtigen wie jene der Konsumenten in der Schweiz.
Landwirtschaftsbetriebe müssen als eigenständige KMU agieren können
Für die Schweizer Landwirtschaft setzt Dietler auf eine Qualitätsstrategie: «Die 46’000 Landwirtschaftsbetriebe sollten als eigenständige kleine und mittlere Unternehmen (KMU) agieren können, die Strategie und Wertschöpfung selbst bestimmen.»
Dem Staat weist er eine begrenzte Rolle zu. Er solle Rahmenbedingungen schaffen, damit sich die Produktion den Empfehlungen der Ernährungspyramide annähert. Welche Produkte die Betriebe in welchen Mengen erzeugen, dürfe er ihnen jedoch nicht vorschreiben.
Veränderungen müssen durch konkrete Nachfrage entstehen
Als gelungenes Beispiel nennt Dietler die Produktionsküche der Stadt Biel. Deren Nachfrage nach regionalen und nachhaltig erzeugten Lebensmitteln sende ein Marktsignal aus, auf das Landwirtschaftsbetriebe reagieren könnten.
Eine stärkere staatliche Steuerung von Angebot und Nachfrage lehnt Dietler dagegen ab. Als warnendes Beispiel nennt er die 1999 aufgelöste Schweizerische Käseunion.
Die Landwirtschaft muss sich als selbstbewusster Marktpartner verstehen
Statt verbindlicher Vorgaben für Detailhandel und Gastronomie setzt Dietler auf freiwillige Zusammenarbeit. «Die Labels Bio Suisse und IP-Suisse haben gemeinsam mit den Lebensmitteleinzelhändlern Migros und Coop gezeigt, dass sich nachhaltigere Produkte auch ohne staatliche Eingriffe erfolgreich vermarkten lassen.»
Den Einwand, dass einzelne Landwirtschaftsbetriebe gegenüber Verarbeitung und Detailhandel eine schwächere Verhandlungsposition haben, läss Dietler nicht gelten. Er verweist auf die Branchenorganisation Milch (BOM) und beim Fleisch auf Proviande, auf Produzenten- und Labelorganisationen, welche die Interessen ausgleichen oder bündeln.
Die Schweiz kenne viele erfolgreiche Formen von Kooperationen in der Wertschöpfungskette. Landwirtschaftsbetriebe sollten sich nicht in einer Opferrolle sehen, sondern als selbstbewusster Marktpartner.
Den grössten Einfluss darauf, was gegessen wird, schreibt Dietler letztlich der Familie zu. Gemeinsame Mahlzeiten, Aufmerksamkeit für das Essen und mehr Respekt vor Lebensmitteln seien entscheidender als weitere staatliche Regeln. Seine Position fasste er mit einem pointierten Satz zusammen: «Der Staat ist nicht meine Mama.»
Der Konflikt liegt in der Steuerung
Bei den Zielen liegen die drei Positionen näher beieinander, als es zunächst scheint: Alle wollen die Umweltbelastung senken, die Landwirtschaft wirtschaftlich absichern und Ernährung sowie Produktion besser aufeinander abstimmen.
Der Konflikt liegt bei der Steuerung. Niggli und Wyss erwarten vom Staat verbindlichere Ziele und stärkere Anreize. Dietler setzt auf den Staat als Rahmensetzer, auf Nachfrage und auf Kooperationen.
Die Bieler Produktionsküche verbindet beide Ansätze: Die Politik legt die Beschaffungskriterien fest, die Betriebe reagieren auf die entstehende Nachfrage.
Offen bleibt jedoch, wer die zusätzlichen Kosten trägt und wie viel Verhandlungsmacht Landwirtschaftsbetriebe gegenüber Verarbeitung und Detailhandel besitzen.
Die Ernährungswende entscheidet sich deshalb nicht allein an Ernährungsempfehlungen, sondern an Direktzahlungen, Abnahmeverträgen, Preisen, Verkaufsregalen und Speiseplänen. Für die Betriebe muss sie sich rechnen.
Transparenzhinweis: Das Gespräch mit den drei Fachleuten habe ich am Herbst-Sessionsanlass der Schweizerischen Public Affairs Gesellschaft SPAG geführt, den ich moderierte.
Ich bin nicht Mitglied der SPAG und übernehme keine Lobbying-Mandate. Der Veranstalter hat mich als unabhängigen Agrarjournalisten mit der Moderation dieses Anlasses beauftragt. Meine Aufgabe war, die Diskussion sachlich zu strukturieren, unterschiedliche Positionen sichtbar zu machen und kritisch nachzufragen. Dieser Beitrag entstand in eigener redaktioneller Verantwortung.


