
Ein glühend heisser Sommertag im Emmental. Auf einem Flachs-Acker bei Willadingen rattert eine eigenartige Maschine über das strohige Gewirr am Boden. Am Steuer ist Landwirt Adrian Brügger.
In einer Arbeitspause steigt Brügger aus der Traktoren-Kabine und bricht ein Büschel mit Flachs-Stängeln über seinen kräftigen Fäusten, bis zwischen den Fingern feine Fäden glänzen, und sagt. «Wenn du das einmal gespürt hast, lässt es dich nicht mehr los.»
Adrian Brügger ist einer der ersten Schweizer Bauern, die wieder Flachs anbauen (botanisch korrekt: Gemeiner Lein). Eine Kulturpflanze, aus welcher bis vor einem Jahrhundert praktisch alle Textilien hergestellt wurden – die heute aber fast vergessen ist.
Vergessen sind auch die Begriffe rund um den Anbau und die Verarbeitung von Flachs und Leinen. Deshalb finden Sie am Ende der Reportage ein Glossar aller Fachbegriffe.

Wieso heisst der Flachs auch Lein? Und wie erkenne ich Flachs auf dem Feld?
Der Flachs oder Lein ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Sprachlich leitet sich «Lein» vom lateinischen linea ab (Schnur oder Faden) und «Flachs» vom althochdeutschen flehtan (flechten). Womit der Flachs oder Lein gut beschrieben wird.
Heute wird die Pflanze auf dem Feld meist als Flachs bezeichnet, daraus produzierte Textilien als Leinen (und das Öl aus den Flachs-Samen als Leinöl).
Jede Flachs-Pflanze hat mehrere Dutzend Blüten, die im Juni und Juli himmelblau blühen – jede einzelne Blüte aber nur für wenige Stunden. Der Grund für dieses Naturphänomen: Der Flachs setzt auf Masse statt Dauer und spart so Ressourcen, da keine Nektarproduktion und Blütenerhaltung über längere Zeit nötig ist.
Welche Produkte können aus der ökologisch wertvollen Mehrnutzungs-Pflanze Flachs hergestellt werden?
Ein Naturphänomen ist der Flachs auch, weil er eine Mehrnutzungs-Pflanze ohne Abfallprodukte ist:
Fasern (Bast): Leinenstoffe (Textilien, Heimtextilien, technische Gewebe)
Schäben (Holzanteile): Tierstreu, Dämmstoffe, Verbundwerkstoffe, Papierherstellung
Leinsamen: Lebensmittel (Müesli, Brot etc.), Futtermittel, Leinöl
Leinöl (aus den Samen): Speiseöl und technisches Öl (für Farben, Lacke, Seife etc.)
Kapselhülsen: Kompost, Biogas oder als Bodenverbesserer
Stängelrinde: Ausgangspunkt für Fasern (nach der Röste)
Der Flachs-Anbau braucht wenig Wasser, kaum Dünger und praktisch keine Pflanzenschutzmittel. Im Emmental werden nur 50 Gramm Herbizid pro Hektar gegen Unkräuter eingesetzt, das entspricht zwei kleinen Gewürz-Gläschen auf eineinhalb Fussballfelder.
Umgekehrt ist Flachs mit nur 4 Quadratmeter Ackerfläche für ein Leinen-Hemd sehr ergiebig, das Endprodukt ist robust und langlebig.

Früher waren Unterhosen, Hemden, Küchentücher und Bettlaken aus Flachs
Bis etwa 1870 war Flachs in der Landschaft allgegenwärtig. Im Frühsommer leuchteten die Felder blau, im Herbst hingen vor den Bauernhöfen Leinen-Garne zum Trocknen. Die Bäuerinnen und deren Kinder sassen nach der harten Tagesarbeit am Spinnrad und am Webstuhl.
Vor dem Leinen-Zeitalter waren die Textilien aus Wolle (kratzig), Hanf (rauh), Brennnessel (steif) oder Leder (schweisstreibend). Leinen war ein Meilenstein für Hygiene, Komfort und Waschbarkeit.
Von der Unterhose bis zum Hemd, vom Küchentuch bis zur Bettwäsche – alles war aus Leinen. Je feiner das Garn, desto stolzer waren die Bäuerinnen. Für die Aussteuer hoben sie die besten Stücke auf, sorgfältig gefaltet, manchmal mit Monogramm und Stickkante versehen.
Und die Städter zahlten den Bäuerinnen gutes Geld für feines, gebleichtes Leinen. Die besten Fasern kamen aus der Lausitz (DE), dem Waldviertel (AT) und dem Appenzellerland (CH). Seine Qualität verdankte dieser Leinen den natürlichen Voraussetzungen, der handwerklichen Tradition und einem professionellen Handel.
Baumwolle aus Übersee ersetzte ab 1830 den heimischen Flachs
Mit dem kolonialen Baumwollhandel sowie industriellen Spinnmaschinen und Webstühlen wurde Baumwolle zur billigen Industriefaser: Flachs war dagegen schwerer zu verarbeiten und verlangte teure Handarbeit.
Die Appenzeller Leinenweber rüsteten schon in den 1830er-Jahren als erste auf Baumwolle um. Spätestens ab 1870 folgten die Leinenweber in der Lausitz, im Waldviertel und anderen Regionen. Damit verschwand auch der Flachs von den Feldern.
Heute wird Flachs vor allem in Frankreich (75 Prozent der Weltproduktion), Belgien und den Niederlanden angebaut. Praktisch der ganze Rohstoff wird nach China exportiert und dort industriell zu Leinen gesponnen und gewoben.
Frankreich: 650’000 t Bestes Langfaser-Leinen
Belgien: 90’000 t Bestes Langfaser-Leinen
Niederlande: 30’000 t Bestes Langfaser-Leinen
Russland: 70’000 t mindere Qualität
China: 29’000 t mindere Qualität und Verarbeitung

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Flachs (fast) verschwunden
In den deutschsprachigen Ländern wird praktisch kein Flachs mehr angebaut. Im Emmental (und in einer Handvoll weiteren lokalen Projekten) erlebt der Flachs aber eine Renaissance. Eine kleine Renaissance, um genau zu sein. Aber immerhin.

Mit ein Grund dafür war die Werbekampagne «Gut, gibt‘s die Schweizer Bauern» des Schweizer Bauernverbandes SBV, in dem prominente Schweizer in einem Edelweisshemd aus Leinen als Testimonials für die Schweizer Landwirte vor der Kamera standen.
2014 gründeten ein paar Idealisten im Emmental die SwissFlax GmbH. Sie wollen die komplette Wertschöpfungskette für Schweizer Flachs wieder herstellen: Vom Anbau und der Ernte über die Verarbeitung bis zum gewobenen Leinen.
Landwirt Adrian Brügger war von Anfang an dabei. «Am Anfang war das ein Abenteuer. Wir wussten nicht einmal, wie man das Flachs-Stroh richtig trocknet», erinnert er sich.
Was jetzt im Emmental auf wenigen Hektaren wächst, ist mehr als ein Rohstoff. «Es ist eine textile Gegenbewegung», sagt Dominik Füglistaller, Geschäftsführer von SwissFlax. «Und vielleicht ist es auch eine Antwort auf die Frage, wie Stoffe wieder Wert bekommen.»
Heute liefern fünf Landwirtschafts-Betriebe aus dem Emmental ihr Flachs-Stroh an SwissFlax. Die Preise liegen über dem Weltmarktniveau. «Aber unsere Kunden wissen, wofür sie bezahlen», weiss Dominik Füglistaller, «Mit Schweizer Leinen bekommen sie Regionalität, Qualität, Transparenz in der Produktionskette und Fairness.»

Die Flachs-Ernte unterscheidet sich komplett von der Getreide-Ernte
Die Flachs-Stängel werden von Mitte Juli bis Mitte August geerntet, wenn der Flachs gelblich-braun ist und die Kapseln reif, aber noch geschlossen sind. Schliesslich möchte Landwirt Adrian Brügger das Stroh und die Samen verwerten.
Anders als bei Getreide schneidet Brügger den Flachs nicht ab, sondern zupft ihn mit der Wurzel vorsichtig aus dem Boden. Denn für hochwertiges Leinen braucht es die gesamte Faserlänge. Mit einer speziellen Zupfmaschine zieht er die Pflanzen aus dem Boden, bündelt sie und legt sie in gleichmässigen Schwaden auf dem Feld ab.
Nach dem Zupfen beginnt die Röste, ein natürlicher mikrobieller Prozess der Verrottung. Morgentau, Regen und Mikroorganismen zersetzen die pflanzlichen Bindemittel, welche die wertvollen Fasern und den Holzkern verbinden. Die Fasern sollen sich später beim Brechen leicht lösen.
Je nach Wetter lässt Adrian Brügger das Stroh zwei bis drei Wochen auf dem Feld liegen. Während der Röste muss er die Schwaden wieder mit einer speziellen Maschine mehrfach wenden, damit das Stroh gleichmässig röstet.
Auf meine Frage, wann die Röste abgeschlossen ist, antwortet Brügger: «Den richtigen Zeitpunkt muss ich spüren, oder besser riechen. Wenn der Flachs leicht erdig riecht, ist es höchste Zeit.»
Ich nehme ein paar Stängel in die Hand, rieche daran – und stelle fest: Ich habe diesen Riecher nicht. Das Stroh fühlt sich aber trocken und biegsam an. Und wenn ich die Stengel knicke, kann ich die Fasern vom Holzkern abheben.
Brügger holt die Ballenpresse aus der Scheune und fährt über die Schwaden mit dem Flachs-Stroh. Hinten fallen die Ballen auf das Feld, jeder Ballen wiegt 200 Kilo.

Bis jetzt muss das Flachs-Stroh im Ausland zu Leinen verarbeitet werden
Die nächsten Arbeitsschritte müssen Adrian Brügger und SwissFlax ins Ausland vergeben: Die Ballen werden in die Niederlande gefahren, wo eine der modernsten industriellen Brech- und Hechelstationen Europas steht.
Dort werden die Flachs-Stängel gebrochen und die frei gelegten Langfasern gehechelt (gekämmt). Sie sind danach samtweich – haben aber mit 500 bis 1500 Megapascal eine Zugfestigkeit wie Baustahl.
Die langen Faserbündel gehen nach Litauen oder Polen zum Spinnen. Als Garn kommt der Flachs zurück in die Schweiz – und heisst ab jetzt Leinen.

Im Emmental werden aus Leinen wieder edle (und rustikale) Textilien produziert
Aus dem Emmentaler Garn entstehen drei verschiedene Leinenstoffe, von robust bis edel:
Zwilch mit 400–500 Gramm/m² ein handfester, dicht gewebter Stoff – für Rucksäcke, Taschen und Schwinghosen (bei Création Baumann in Langenthal BE)
Bäckerleinen mit 300–400 Gramm/m² schwer, dicht, unbehandelt – für Küchentücher, Tisch-Sets und Brotbeutel (bei Rigotex in Bütschwil SG)
Halbleinen mit 160–190 Gramm/m² ein leichter, weicher Stoff mit Baumwoll-Anteil – für Hemden und Shirts (bei Création Baumann in Langenthal BE)
Die Abnehmer dieser Leinenstoffe sind unter anderem das Möbelhaus Pfister für sein Label «Swiss Linen» und Kleider-Labels wie «erfolg», die bewusst in der Schweiz produzieren.
Und dies, obwohl das in Litauen und Polen gesponnene Garn mit 35 Franken (für die Schwinghosen) bis 52 Franken (für Vorhänge etc.) pro Kilo bis vier Mal teurer ist als China-Garn, das schon ab 12 Euro pro Kilo zu haben ist.
Auch das Weben der Leinenstoffe in der nördlichsten Provinz Chinas ist viel billiger. Mit der weltweit grössten Leinenstoff-Produktionsanlage (25‘000 chinesische ArbeiterInnen) kann kein anderer Verarbeiter mithalten.
«Immer mehr KonsumentInnen kaufen aber bewusster», sagt Dominik Füglistaller. «Sie wollen qualitativ hochwertige Stoffe, die ökologisch produziert werden und Geschichten erzählen.» Und eine Lieferkette, die man bis aufs Feld zurückverfolgen kann. Slow Fashion statt Fast Fashion.
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🔍 Fachbegriffe zu Flachs und Leinen
🌿 Anbau und Pflanze
Flachs / Lein: Nutzpflanze (Linum usitatissimum) mit blauen Blüten, aus deren Stängeln Leinenfasern und aus den Samen Leinöl gewonnen werden.
Faserlein: Sorte mit langen Stängeln, gezüchtet für Textilfasern.
Öllein: Sorte mit kurzen, verzweigten Stängeln, gezüchtet für Leinsamen und Öl.
Leinsamen: Die kleinen, braunen Samen der Flachspflanze – reich an Omega-3, Ballaststoffen und Schleimstoffen.
🚜 Ernte & Röste
Zupfen: Erntemethode, bei welcher der Flachs mitsamt Wurzel aus dem Boden gezogen wird, um die volle Faserlänge zu erhalten.
Zupfmaschine: Spezielle Erntemaschine, die den Flachs samt Wurzel aus dem Boden zieht (nicht schneidet).
Schwaden: Längs abgelegte Reihen von geerntetem Flachs auf dem Feld.
Röste: Natürlicher Verrottungsprozess von Flachsstroh auf dem Feld, bei dem Mikroorganismen Pektine abbauen, damit sich die Fasern vom Holz lösen.
Wenden: Mehrmaliges Drehen der Flachs-Schwaden während der Röste, damit sie gleichmässig verrotten.
🏭 Verarbeitung
Brechen: Mechanischer Vorgang zur Trennung der Fasern vom holzigen Innenstängel (siehe «Schäben»).
Schäben: Die bei der Verarbeitung abgetrennten holzigen Reste des Stängels.
Hecheln: Kämmen der Flachsfasern zur Glättung und Sortierung nach Faserlänge.
Werg: Kurze, beim Hecheln ausgefallene Fasern – grober, aber nutzbar für Seile, Matten oder grobes Garn.
🧵 Spinnen und Garn
Spinnen: Verdrehen der Fasern zu einem festen Faden (Garn).
Zwirnen: Zusammendrehen von zwei oder mehr Einzelfäden zu einem stärkeren Garn.
Kone: Konische Garn-Rolle für industrielle Verarbeitung.
Spule: Zylindrische Garn-Rolle für industrielle Verarbeitung.
🧶 Gewebe und Produkte
Zwilch: Robuster Leinenstoff mit Leinwandbindung, zum Beispiel für Rucksäcke, Taschen und Schwingerhosen.
Leinwandbindung: Schlichte Webart mit hoher Haltbarkeit – typisch für Leinenstoffe.
Bäckerleinen: Stoff für Küchentücher, Tisch-Sets und Brotbeutel. Wird heute noch verwendet, um Brotteig während der Gärung rutschfest und atmungsaktiv zu lagern, ohne dass er anklebt oder austrocknet.
Halbleinen: Stoffmischung aus mindestens 40 Prozent Leinenmeist, meist gemischt mit Baumwolle oder Merinowolle.



