Der ökologische Wahnsinn der Frühkartoffeln aus der ägyptischen Wüste
Importierte Frühkartoffeln aus Ägypten zeigen das Problem globaler Lebensmittelketten: Vom Saatgut aus Schottland über die die Bewässerung der Kartoffelfelder in der Wüste bis zu den Transportwegen.

Kurz & bündig
Den Preis für billige Frühkartoffeln bezahlen das Ökosystem und die Menschen in Ägypten
Kartoffelanbau im Wüstensand: Ein ökologischer Widerspruch
Vom nass-kalten Schottland in die heisse Wüste: Der weite Weg der Kartoffel-Setzlinge
Kartoffel-Anbau im Wüstensand: Das Unmögliche möglich machen
«Wüstenkartoffeln» in Ägypten: Nur mit riesigen Kreis-Beregnungssystemen möglich
Mit dem Wasser erhalten die «Wüstenkartoffeln» auch Dünger
Mit Torf aus Irland werden die ägyptischen Frühkartoffeln vor Transportschäden bewahrt
Der Weg der Frühkartoffeln von Ägypten in den Supermarkt
Wie lösen Deutschland, Österreich und die Schweiz das Problem mit den Frühkartoffel-Importen?
Jetzt sind sie wieder unterwegs zu uns, die Schiffe aus Ägypten mit Containern voller Frühkartoffeln. In jedem Container stehen 22 Big Bags mit je 1000 Kilo Fassungsvermögen, pro Container 22 Tonnen ägyptische Frühkartoffeln.
Ab Mitte Februar werden innert wenigen Wochen 40’000 Container mit Frühkartoffeln in den ägyptischen Häfen Alexandria und Port Said auf Schiffe verladen. Diese Container-Schiffe steuern Häfen in Italien, die Niederlande oder Norddeutschland an.
Kurze Zeit später liegen die ersten Frühkartoffeln aus Ägypten in den Regalen unserer Supermärkte. Sie werden nicht nur zwei Monate früher verkauft als die einheimischen Frühkartoffeln, sondern auch günstiger.
Den Preis für billige Frühkartoffeln bezahlen das Ökosystem und die Menschen in Ägypten
Schauen wir uns an, was hinter dieser Saison-Verschiebung steckt – und welche Folgen sie hat. Denn für die billigen Frühkartoffeln aus ihrem Land zahlen das Ökosystem und die Menschen in Ägypten einen hohen sozialen Preis.
Die meisten der 113 Millionen Ägypter sind sehr arm: 70 Millionen Menschen sind auf Staatshilfen angewiesen. Davon lebt die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze. Das Einkommen der ägyptischen Landwirte liegt bei nur 200 Euro im Monat.
Bei solchen Löhnen ist klar, dass Frühkartoffeln aus Ägypten im Ankauf billiger sind als einheimische Kartoffeln. Die Vereinigung der Schweizer Kartoffelproduzenten VSKP konnte sich vor wenigen Wochen in Ägypten ein Bild machen, erklärt VSKP-Geschäftsführerin Lara Stamler:
«Wir bezweifeln, dass die ägyptische Produktion die ökologischen und sozialen Standards der Schweiz erfüllen. Ägyptische Frühkartoffeln haben einen Wettbewerbsvorteil auf Kosten der Umwelt und der dortigen Bevölkerung.»

Kartoffelanbau im Wüstensand: Ein ökologischer Widerspruch
Wenn man sich überlegt, wo in Ägypten Kartoffeln angebaut werden könnten, kommt man ins Grübeln. Denn nur 4 Prozent der ägyptischen Landesfläche sind landwirtschaftlich nutzbar.
Am Nil-Ufer ist die bewirtschaftbare Zone auf jeder Seite höchstens 10 Kilometer breit. Man sieht dieses 500 Kilometer lange «grüne Band» sogar aus dem Weltall. Erst im Nil-Delta findet man eine breitere fruchtbare Zone.
Die jährlichen Nil-Überschwemmungen bringen seit Jahrtausenden nährstoffreiche Sedimente in das «grüne Band». Nur dort können landestypische Lebensmittel wie Ackerbohnen, Sorghum-Hirse und Kohl angebaut werden. Der Rest des Landes ist sprichwörtlich Wüste, also Sand.
Vom nass-kalten Schottland in die heisse Wüste: Der weite Weg der Kartoffel-Setzlinge
Ob die Kartoffeln im Wüstensand wachsen oder in fruchtbarem Humus: Für den Kartoffelanbau braucht es vorgekeimte Pflanzkartoffeln. Diese müssen frei von Krankheiten und Viren sein – und optimal keimfähig, damit aus einer Pflanzkartoffel 8 bis 15 neue Kartoffeln wachsen.
Die Kartoffel-Setzlinge importiert Ägypten – Überraschung – aus dem mindestens 8000 Schiffs-Kilometer entfernten nass-kalten Schottland. Der Grund dafür ist eher speziell, wenn man weiss, dass diese Pflanzkartoffeln in Ägypten eingepflanzt werden, wo es sogar im Winter über 20 Grad warm ist:
Das kühle Klima in Schottland ergibt zusammen mit der isolierten geografischen Lage ein praktisch virusfreies Pflanzgut. Wir lernen: Viren sind «Gfrörli» (schweizerisch für kälteempfindliche Wesen).

Jedes Jahr werden in den schottischen Häfen Aberdeen und Dundee 40‘000 Tonnen Pflanzkartoffeln in Kühl-Containern verschifft. In Alexandria oder Port Said wird die sensible Ladung gelöscht und mit speziellen Kühl-Transportern mehrere Hundert Kilometer in die Kartoffelanbaugebiete gefahren.
Für den ägyptischen Markt wird die Kartoffelsorte Spunta angebaut. Diese ist im Vergleich zu unseren Supermarkt-Kartoffeln «unansehnlich», eignet sich aber zum Frittieren. Was wichtiger ist als eine glatte Kartoffelhaut, denn «Batatis» (die ägyptischen Kartoffelgerichte) werden meist in Öl frittiert.
Für den Export als Frühkartoffeln in die deutschsprachigen Länder werden Im Nild-Delta, am Nil-Ufer und in riesigen Plantagen mitten in der Wüste andere Sorten angebaut. Diese fest kochenden Sorten sehen mit glatter Schale und gelbem Fleisch «schöner» aus und sind für typische Frühkartoffel-Gerichte geeignet.
Kartoffel-Anbau im Wüstensand: Das Unmögliche möglich machen
Schauen wir uns diese riesigen Plantagen mitten in der Wüste genauer an. Man muss nicht Agronomie studiert haben, um sich vorzustellen, dass Wüstensand auch mit den besten Pflanzkartoffeln so ziemlich die schlechteste Grundlage für den Kartoffelanbau ist:
Sand kann Wasser nicht speichern, es versickert schnell in tiefere Schichten
Nicht versickertes Wasser verdunstet durch die hohen Temperaturen
Sand hat praktisch keine Nährstoffe und kann Nährstoffe (in Form von Dünger) nicht binden
Sand hat praktisch keinen Humusgehalt (organische Substanz)
Sand hat praktisch kein Bodenleben (Mikroorganismen, Bakterien, Pilze)
Für ein Kilo Kartoffeln aus der Wüste werden 500 Liter Wasser verbraucht – das entspricht drei vollen Badewannen für ein Kilo Kartoffeln! Selbst im fruchtbaren «grünen Band» bauen die traditionellen ägyptischen Landwirte deshalb keine Kartoffeln an, sondern Kulturen mit weniger Wasserverbrauch:
Ackerbohnen: 3500 m3 Wasser/Hektar (wichtige Eiweissquelle in Ägypten)
Kohl: 4000 m3 Wasser/Hektar
Sorghum-Hirse: 5500 m3 Wasser/Hektar (wichtiges Grundnahrungsmittel in Ägypten)
Kartoffeln: 6000 m3 Wasser/Hektar

«Wüstenkartoffeln» in Ägypten: Nur mit riesigen Kreis-Beregnungssystemen möglich
Für die Bewässerung der «Wüstenkartoffeln» wird Jahrtausende altes Grundwasser aus über 300 Meter Tiefe hochgepumpt. Mit einer Kreis-Beregnung (sogenannte Pivot-Systemen) wird das Grundwasser auf den Kartoffelfeldern im Wüstensand verteilt.
Diese Pivot-Drehgestelle werden von Dieselmotoren angetrieben und drehen sich auf Rädern in 24 Stunden einmal um die eigene Achse.
Jedes dieser Drehgestelle ist 400 Meter lang und bewässert eine Kreisfläche von 800 Meter Durchmesser oder 50 Hektar Fläche. Das ist die Gesamtfläche (!) von 2,4 Landwirtschaftsbetrieben in der Schweiz, 1,4 Betrieben in Österreich und fast einem ganzen Grossbetrieb in Deutschland.
Zwischen den Kreisen der Pivot-Drehgestelle entstehen trockene Zwischenräume, die man sogar auf Satellitenbildern sieht.
Das kostbare Grundwasser wird von den Frühkartoffeln aufgenommen und «fliesst» mit diesen von Ägypten nach Europa. Ein verheerender Export: In Ägypten wird das existenziell wichtige Grundwasser verschwendet, während Kartoffeln bei uns praktisch ohne künstliche Bewässerung angebaut werden könnten.
Mit dem Wasser erhalten die «Wüstenkartoffeln» auch Dünger
Die Düsen der Pivot-Systeme spritzen nicht nur Wasser, sondern auch Dünger. Und das nicht zu knapp. Vor allem wasserlösliche Mineraldünger, die aus Russland und Belarus importiert werden:
Stickstoff (N) als Hauptnährstoff
Kalium (K) für die Knollenbildung
Phosphor (P) für die Wurzelentwicklung
Die Pflanzenschutzmittel werden mit Pflanzenschutzspritzen ausgebracht. Gemäss offiziellen Angaben dürfen nur Kartoffeln in die EU und in die Schweiz importiert werden, welche die EU-Rückstandshöchstgehalte einhalten.
2024 haben allerdings grosse deutsche Detailhändler ägyptische Frühkartoffeln der Sorte Lilly zurückgerufen. Wegen zu hohen Rückständen des Pflanzenschutzmittels Fluazifop «wird vom Verzehr dringend abgeraten, es ist mit Magen-Darm-Problemen zu rechnen».
Mit Torf aus Irland werden die ägyptischen Frühkartoffeln vor Transportschäden bewahrt
Zurück zum Weg, den die «Wüstenkartoffeln» noch vor sich haben. Ägypten exportiert jährlich 850‘000 Tonnen Kartoffeln. Vor allem nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz, aber auch nach Russland.
Die Frühkartoffeln werden dafür aus den Anbaugebieten in offenen Lastwagen (wegen der Hitze) mitten in der Nacht zu Packstationen transportiert. Dort werden sie gewaschen, sortiert und in Big Bags mit je 1000 Kilo Fassungsvermögen verpackt.
Wenn wir im Supermarkt an den ägyptischen Frühkartoffeln mit sehr dünnen Schalen «Erde» finden, dann ist das keine Erde, sondern – ökologisch wertvoller Torf, der aus Irland importiert wird. Die dortigen Torfmoore sind wichtige CO2-Speicher.
Zwischen den Frühkartoffeln hat der Torf aber eine andere Funktion: Er reduziert die Reibung zwischen den Kartoffeln und verhindert damit Beschädigungen. Zudem absorbiert der Torf Feuchtigkeit und stabilisiert die Temperatur. Das verringert das Risiko von Fäulnis und verlängert die Haltbarkeit der Frühkartoffeln.
Denn in der Packstation kommen die Big Bags mit je 1000 Kilo Frühkartoffeln zwar in Kühl-Container. Aber bis sie in unseren Supermärkten im Regal liegen, sind die Kartoffeln 14 Tage unterwegs.

Der Weg der Frühkartoffeln von Ägypten in den Supermarkt
In Alexandria und Port Said werden ab Mitte Februar in wenigen Wochen 40’000 Container mit ägyptischen Frühkartoffeln auf Schiffe verladen. Diese Container-Schiffe steuern europäische Häfen an:
Hamburg und Bremerhaven (für Deutschland)
Rotterdam (für Deutschland und die Schweiz)
Genua und Triest (für Österreich und die Schweiz)
Im März und April, wenn die Detailhändler in Deutschland, Österreich und der Schweiz die «Wüstenkartoffeln» verkaufen, gibt es bei uns noch keine heimischen Frühkartoffeln. Diese werden von Mai bis Oktober geerntet.
Im Frühling, vier bis fünf Monate nach der Ernte, sind die heimischen Lagerkartoffeln aber trotz sorgfältiger Lagerung in keimhemmender Atmosphäre nicht mehr so «schön». Zudem sind die heimischen Sorten meist oval und ein bisschen unförmig.
Die Haut der Frühkartoffeln aus dem Wüstensand ist dagegen dünn und hell, die Kartoffeln rund, glatt und ohne Makel. Damit kann eine heimische Lagerkartoffel optisch nicht mithalten.
Wie lösen Deutschland, Österreich und die Schweiz das Problem mit den Frühkartoffel-Importen?
Der Selbstversorgungsgrad mit Kartoffeln ist in den deutschsprachigen Länder sehr unterschiedlich:
Schweiz: 80 Prozent Selbstversorgungsgrad mit Kartoffeln
Österreich: 86 Prozent Selbstversorgungsgrad mit Kartoffeln
Deutschland: über 150 Prozent Selbstversorgungsgrad mit Kartoffeln
Deutschland importiert Kartoffeln trotz 150 Prozent Selbstversorgungsgrad
In Deutschland würden sich Kartoffelimporte also erübrigen. Trotzdem importiert Deutschland jedes Jahr über 500’000 Tonnen Kartoffeln. Die deutschen Branchenverbände antworteten leider nicht auf meine Anfrage.
Österreichische Kartoffelbauern bringen eigene frühreife Kartoffelsorten auf den Markt
In Österreich ist der Import ägyptischer Frühkartoffeln mit 25’000 Tonnen deutlich kleiner. «Die Heurigen müssten nicht aus der Wüste kommen», erklärt Anita Kamptner von den Branchenverbänden IGE und VÖSK kopfschüttelnd.
«Unsere österreichischen Kartoffeln sind das ganze Jahr über verfügbar!» Die Lücke von 14 Prozent zur vollständigen Selbstversorgung könnte auch mit europäischen Kartoffeln gefüllt werden.
«Und immer mehr bringen unsere österreichischen Kartoffelbauern frühreife Kartoffelsorten auf den Markt, die aufgrund der kurzen Vegetationszeit sehr zart sind und eine dünne Schale haben» (im Fachbegriff: losschalig), betont Anita Kamptner.
Die Schweiz löst das Problem auch auf pragmatische Weise – über den Preis
Die Schweiz «muss mit ihrem Selbstversorgungsgrad von 80 Prozent für eine ganzjährige Versorgung 20 Prozent der Kartoffeln importieren», erklärt Christian Bucher, Geschäftsführer der Branchenorganisation Swisspatat.
«Wir müssen im Herbst genug einheimische Speisekartoffeln einlagern, damit wir das Zeitfenster für Importe bis zu den einheimischen Frühkartoffeln nur kurz öffnen müssen», betont die Geschäftsführerin der Vereinigung der Schweizer Kartoffelproduzenten VSKP, Lara Stamler.
Sobald die neue inländische Frühkartoffel-Ernte da ist, wird durch ein Gentlemen's Agreement mit den Schweizer Detailhändlern ein Importstopp verhängt.
Wobei sich das Problem auch auf pragmatische Weise löst: «Nach den Preissteigerungen auf den internationalen Kartoffelmärkten sind Schweizer Kartoffeln kaum noch teurer als ägyptische Kartoffeln», erklärt Christian Bucher, Geschäftsführer der Branchenorganisation Swisspatat.
«Und weil einheimischen Kartoffeln entlang der Wertschöpfungskette in der Schweiz bessere Margen erzielen, werden die Schweizer Kartoffeln plötzlich wieder interessant.»




Wirklich verrückt. Wir haben wunderbare Bio-Kartoffeln von hier aus der Gegend, winzig klein derzeit, von mutmaßlich hochintelligenten Bauern, wenn man dem Sprichwort glauben möchte...