Aufbruch in ein neues ökologisches Zeitalter – ein Stadt-Spaziergang mit Martin Grassberger
Der Arzt und Buchautor Martin Grassberger erklärt, wie Mensch und Natur mitten in der Polykrise aus Umweltzerstörung, Gesundheitsdefiziten und sozialer Erschöpfung wieder ins Gleichgewicht finden.

Ein grauer Wintertag zeigt, wie überdreht die Stadt Zürich ist. Zwischen Bahnhof und Banken hetzen Menschen im Takt der Börsenkurse, als liessen sich Sekunden in Rendite verwandeln. Das Tempo der Stadt ist pathologisch hoch.
Auf dem Limmatquai pulsiert der Verkehr wie ein überlasteter Organismus: Banker in tonnenschweren Geländewagen, Lieferwagen mit Ultra-Fast-Fashion-Paketen, dazwischen hupende Taxis und fluchende Radfahrer im Überlebensmodus.
Sogar auf der fast 200 Jahre alten Münsterbrücke spürt man den kalten Puls einer Stadt, die das Geld liebt und ihre Vitalität verliert. Zürich ist ein seltsamer Ort, um mit Martin Grassberger über Regeneration zu sprechen – aber vielleicht genau der richtige Ort.
«Wir leben in einer Polykrise aus Umweltzerstörung, Gesundheitsdefiziten und sozialer Erschöpfung»
Martin Grassberger ist Arzt, Biologe und Professor für Gerichtsmedizin in Wien. Sein Buch «Das leise Sterben» wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2020 gewählt. Gerade ist sein neues Buch «Regenerativ. Aufbruch in ein neues ökologisches Zeitalter» erschienen (genaue Angaben am Schluss des Textes).
Kaum jemand weiss, dass Grassberger neben seiner medizinischen Laufbahn eine dreijährige Lehre zum landwirtschaftlichen Facharbeiter abschloss. Seine Laufbahn führte vom Acker über die Klinik bis ins Forschungslabor.
Umwelt- und Ernährungsmedizin sowie Anthropologie lehrten ihn, den Menschen nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Teil eines empfindlichen Gefüges zu sehen.
Heute diagnostiziert Grassberger nicht einzelne Krankheiten, sondern eine gestörte Beziehung zwischen Mensch und Natur. «Die Zivilisation leidet an einer Systemerkrankung – an einer Polykrise.»
In der Polykrise verstärken sich die Probleme der Umweltzerstörung, der Gesundheitsdefizite und sozialen Erschöpfung gegenseitig, was zu komplexen, schwerwiegenden Folgen führen kann.

Unsere Städte haben alle Symptome einer Zivilisationserkrankung
Wir gehen vom Hauptbahnhof über den Limmatquai bis zur Münsterbrücke – zwischen hupenden Autos, klingelnden Trams und Touristen, die genauso gehetzt wirken wie die Zürcher. Hier riechen, hören und spüren wir, woran die Stadt krankt.
Jeder Zürcher verursacht 13 Tonnen Treibhausgase pro Jahr. Luft- und Lärm-Inseln belasten den Körper und die Psyche.
Wenn im Winter die Luft steht, stauen sich Feinstaub und Stickstoffverbindungen – der Atem wird schwer, bevor man es merkt.
Und Studien belegen: Zürich zählt zu den schnellsten Städten der Welt. Die Menschen hier gehen im Eiltempo – und leben genauso.
Kein Wunder, leiden drei von zehn Jugendlichen unter psychischen Problemen.
Zürich feiert sich als globales Finanzzentrum – und produziert dabei eine andere Bilanz: ökologische Defizite, soziale Erschöpfung. Die Stadt ist effizient, aber krank. «Genau hier», sagt Grassberger, «muss Regeneration beginnen.»

Die Rückkehr zur Natur als Erkenntnis, nicht als Romantik
Wenn Grassberger über Regeneration spricht, meint er keine Flucht, sondern Verbindung: «Natur ist kein Idyll, sondern ein lernendes System – ein Netz aus unzähligen Wechselwirkungen, das sich selbst organisiert und ständig erneuert.»
«Ob Wald, Acker oder Mikrobiom – die Gesamtheit aller Mikroorganismen in einem Organismus – alle Systeme folgen denselben Prinzipien: Kommunikation, Rückkopplung, Kooperation. In der Sprache der Biologie heisst das nicht Romantik, sondern Intelligenz.»
Grassberger vergleicht die Natur mit dem menschlichen Körper: «Ein Ökosystem funktioniert nur im dynamischen Gleichgewicht – wie ein Organismus, dessen Teile miteinander sprechen. Der Boden ist seine Haut, Wurzeln sind seine Gefässe, die Mikroorganismen im Boden spiegeln jene im Darm. Kippt ein Teil, erkrankt das Ganze.»
Für Grassberger ist die Natur kein Gegenentwurf zur Zivilisation, sondern ihr vergessenes Betriebssystem. «Wer glaubt, die Natur müsse geschützt werden», sagt er, «versteht sie nicht. Sie braucht keine Bewachung, sondern Verständnis.»
Die vier Prinzipien von Selbstorganisation, Resilienz, Evolution und Kooperation
Grassberger bündelt seine Beobachtungen in vier Prinzipien, die überall gelten – im Boden, im Körper, im Gehirn und in der Gesellschaft. Sie zeigen, wie Leben sich organisiert, schützt, verändert und verbindet.
Selbstorganisation: Die Fähigkeit von Systemen, sich selbstständig zu strukturieren und zu ordnen. In einem gesunden Boden regeln Milliarden Mikroorganismen ihr Zusammenspiel – sie reagieren auf Feuchtigkeit, Temperatur und Nährstoffe. Ordnung entsteht aus Beziehung, nicht aus Anweisung. Ein Körper funktioniert genauso, wenn jedes Organ seine Aufgabe kennt.
Resilienz: Die Fähigkeit von Pflanzen, sich von Stressfaktoren wie Dürre, Schädlingen und Krankheiten zu erholen oder sich anzupassen. In einer Mischkultur (zum Beispiel Mais und Bohnen nebeneinander) stützen sich Pflanzen gegenseitig, wie im Immunsystem verschiedene Zellen zusammenarbeiten. Fällt eine Art aus, tragen andere das System weiter. Monokulturen – im Feld oder im Denken – machen Systeme anfällig. Vielfalt schützt.
Evolution: Die Anpassung über Generationen hinweg, bei der sich die vererbbaren Merkmale einer Population allmählich verändern. Es wächst durch Versuch und Irrtum, nicht durch Planung. Im Boden und in jedem Organismus passen sich Strukturen neuen Bedingungen an. Evolution bedeutet nicht Perfektion, sondern Beweglichkeit.
Kooperation: Die zweckgerichtete Zusammenarbeit zweier oder mehrerer Systeme mit gemeinsamen Zielen. Pilze, Pflanzen, Tiere und Menschen bilden ein Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeit. Mykorrhiza versorgt Wälder, Mikroben nähren Tiere, wir nähren sie zurück. Wer teilt, erhält. Wer trennt, zerstört. Kooperation ist die Intelligenz der Natur.

So sehen die Prinzipien in der Praxis von Landwirtschaft, Forschung und Ernährung aus
Grassbergers Theorie bekommt Boden unter den Füssen, sobald sie im Alltag sichtbar wird.
In der regenerativen Landwirtschaft zeigt sich Selbstorganisation unmittelbar. Landwirte fördern nicht einzelne Pflanzen, sondern schaffen Bedingungen, in denen das System funktioniert. Kompost, Zwischenfrüchte und minimaler Bodeneingriff genügen – die Mikrobiologie erledigt den Rest. Ein gesunder Acker reguliert sich selbst, wie ein Körper, der gelernt hat, zu heilen.
In der Mikrobiom-Forschung wirkt dasselbe Prinzip im Inneren des Menschen. Der Darm ist ein Ökosystem, das nach den Regeln der Natur arbeitet: Kooperation, Vielfalt, Rückkopplung. Zerstören sterile Ernährung oder zu viele Medikamente diese Gemeinschaft, verliert der Körper seine Resilienz – wie ein ausgelaugter Boden. Heilung entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen in Prozesse, die älter sind als wir.
Auch Städte greifen Grassbergers Ideen auf. Urban Gardening, solidarische Landwirtschaft und lokale Fermentation versuchen, die Trennung zwischen Mensch und Natur zu heilen. Zürich, Wien und Berlin experimentieren mit Kreisläufen: Abfälle werden zu Kompost, Dachgärten zu Humuslaboren. Solche kleinen Lernprozesse zeigen, dass Regeneration kein Konzept ist, sondern tägliche Praxis.
«Ob im Acker, im Darm oder in der Stadt – überall gilt dasselbe Prinzip», sagt Grassberger. «Leben gedeiht, wenn man es lässt.»

«Regeneration ist kein Projekt, Regeneration ist eine Haltung»
Vor einer Mauer bleibt Grassberger stehen. Er hebt das feuchte, gefiederte Blatt einer Jungfernrebe auf und betrachtet es im grauen Winterlicht. Einen Moment schweigt er, dann sagt er: «Schauen Sie. Das hier ist mehr Intelligenz als jedes Rechenzentrum dieser Stadt.»
Er dreht das Rebenblatt zwischen den Fingern. «Das ist kein totes Material», sagt er. «Es war Teil eines Systems – verbunden mit Mykorrhiza im Boden, gespeist vom Kohlenstoff der Luft, vernetzt mit Millionen Mikroorganismen. Es betrieb Photosynthese, reparierte sich selbst, teilte Nährstoffe, reagierte auf Wetter.»
Grassberger blickt zur Limmat, deren Wasser das bleiche Winterlicht spiegelt. «Und all das geschieht ohne Plan, ohne Zentrale, ohne Kontrolle», sagt er.
Er lässt das Rebenblatt fallen. Es bleibt auf einem nassen Pflasterstein kleben. «Regeneration ist kein Projekt», sagt Grassberger leise. «Regeneration ist eine Haltung.» Einen Moment rauscht nur das Tram.
Ein neuer Blick auf die Stadt
Als unser Gespräch endet, senkt sich der Abend über Zürich. Aus der legendären Café Bar Odeon fällt warmes Licht auf nassen Asphalt, die Limmat glimmt im Dunst wie ein Atemzug aus Metall und Nebel.
Trams rollen wie Metronome durch die Stadt, die nie aus dem Takt geraten darf. Grassberger verabschiedet sich, sein Schritt verschwindet im Lärm. Ich bleibe stehen – und plötzlich wirkt alles anders: weniger wie ein Mechanismus, mehr wie ein Organismus, der wieder zu atmen beginnt.
Seine Worte klingen nach: Leben ist kein Projekt, sondern ein Prozess. Systeme heilen sich selbst, wenn man sie lässt. Zwischen den Pflastersteinen spriessen Gräser, von einem Balkon tropft Schmelzwasser auf Erde, die bald wieder lebt. Selbst hier, zwischen Glas und Beton, arbeitet die Natur weiter – geduldig, unscheinbar, unaufhaltsam.
Vielleicht heisst Regeneration nicht «Zurück zur Natur», sondern «Wieder mit der Natur». Eine Stadt, die nach diesen Prinzipien lebt, muss nicht perfekt sein, nur lebendig: weniger Kontrolle, mehr Vertrauen; weniger Planung, mehr Beziehung.
Dann wäre Zürich kein Symbol der Erschöpfung mehr, sondern ein Versuchsfeld für Heilung – eine Stadt, die versteht, was das Blatt am Strassenrand längst weiss.
Der Stadtspaziergang mit Martin Grassberger fand auf Einladung des Soil to Soul-Symposiums Zürich statt. Ich danke der Organisation für die Möglichkeit, das Gespräch im Rahmen dieser Veranstaltung zu führen.
Bibliographische Angaben
«Regenerativ: Aufbruch in ein neues ökologisches Zeitalter»
Martin Grassberger
Residenz Verlag, Salzburg 2024. 304 S., gebunden
ISBN 978-3-70173-593-8
€ 26.85
«Das leise Sterben. Warum wir eine landwirtschaftliche Revolution brauchen, um eine gesunde Zukunft zu haben»
Martin Grassberger
Residenz Verlag, Salzburg 2019. 288 S., gebunden
ISBN 978-3-70173-479-5
€ 25.00





Danke für den Buchtipp, da werde ich auf jeden Fall reinlesen
Toller Artikel Juerg. "Nicht zur Natur zurueck, sondern mit ihr zusammen etwas verbinden". Der natuerlich Kreislauf ist ueberdimensional. Und wenn wir auf die Natur nicht hoeren, zeigt sie uns ihre Gewalt. Nur sind wir so sehr mit uns selbst beschaeftigt, dass wir es gar nicht mal merken.