Kühe sollen Klimakiller sein – Flugzeuge bleiben unter dem Radar der Klimadiskussion
Der Flugverkehr produziert in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer mehr Emissionen. Die Landwirte haben ihre Emissionen gesenkt. Trotzdem stehen die Kühe am Klima-Pranger und nicht Flugzeuge.

Kurz & bündig
Der Flugverkehr in den DACH-Ländern produziert immer mehr Treibhausgase, während die Landwirtschaft ihre Treibhausgas-Emissionen senkt.
In der Schweiz verursacht der Flugverkehr 27 Prozent der Klimawirkung, in Deutschland schätzungsweise 10 Prozent und in Österreich 5 Prozent.
Der Skandal ist, dass der internationale Luftverkehr von der Mineralölsteuer und von der Mehrwertsteuer befreit ist. Wer fliegt, reist steuerlich privilegiert.
Der Kommentar kritisiert Politik, Medien und NGOs, die gegen die Landwirte moralisieren und dabei ihre eigene Klientel schonen: Wähler, Leser und Spender.
Die Schweiz ist ein erstaunliches Land. Herr und Frau Schweizer halten sich für klimabewusst und fliegen doch, als gäbe es keine Klimakrise. Sie halten sich für aufgeklärt und pflegen gleichzeitig eine Klimadebatte, die vor allem eines ist: verlogen.
Denn sobald es um Treibhausgase geht, stehen die üblichen Verdächtigen bereit: Die Bauern. Die Kuh. Das Methan.
Ausgerechnet im «Bauernland» Schweiz steht kein Bereich so zuverlässig am Pranger wie die Landwirtschaft. Politik, NGOs und Medien reden mit strengem Ton und moralischem Furor über die Bauern und ihre Kühe, bis selbst der modernste Kuhstall wie ein Verbrechen an der Zukunft wirkt.
Die Landwirtschaft hat die Emissionen stark gesenkt, der Flugverkehr hat massiv zugelegt
Und während jede rülpsende Kuh auf ihrer Weide in Hintervalzeina zum Klimakiller erklärt wird, hebt in Zürich ein Airbus 350 nach dem anderen ab.
Ausgerechnet der Flugverkehr bleibt politisch und moralisch unter dem Radar - obwohl er zu den grössten Klimatreibern des Wohlstandskonsums gehört.
Dabei ist die Sache klar: Der Flugverkehr verursacht mehr als ein Viertel der Schweizer Klimawirkung, nämlich 27 Prozent. Das ist kein Nebeneffekt. Das ist das Hauptproblem.
Der historische Vergleich macht die Schieflage sichtbar: Die Schweizer Landwirtschaft hat ihre Emissionen seit 1990 deutlich gesenkt. Der Flugverkehr hat dagegen massiv zugelegt.
In der Schweiz stieg der Luftverkehr von 1990 bis 2023 um 119 Prozent, während die Emissionen der Landwirtschaft um 29 Prozent sanken.
Das Muster ist kein Schweizer Sonderfall. Auch in Deutschland legte der Luftverkehr seit 1990 um 119 Prozent zu, während die Landwirtschaft 29 Prozent weniger ausstiess. In Österreich stieg der internationale Flugverkehr um 220 Prozent, während die Landwirtschaft ihre Emissionen um 16 Prozent senkte.
Und trotzdem wird weiter so getan, als müsse das Weltklima in den Kuhställen von Flensburg über Innsbruck bis Lugano gerettet werden – und und nicht auf den Flughäfen von Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Das ist ungefähr so ehrlich, wie wenn ein Kettenraucher den Bäcker wegen Feinstaub belehrt.
Der internationale Luftverkehr ist von Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer befreit
Der Skandal liegt nicht nur in der Klimawirkung des Fliegens. Er liegt auch darin, dass die Fliegerei in den drei deutschsprachigen Ländern steuerlich bevorzugt wird. Der internationale Luftverkehr ist von der Mineralölsteuer und von der Mehrwertsteuer befreit.
Wer seine Wohnung heizt, zahlt. Wer Auto fährt, zahlt. Wer sein Haus saniert, zahlt. Wer als Landwirt in klimaschonende Technologien investiert, zahlt. Aber wer für zwei Tage nach Malle oder für zwei Wochen nach Malé fliegt, reist steuerlich privilegiert.
Der Staat behandelt ausgerechnet eine der klimaschädlichsten Konsumformen mit auffälliger Vorsicht. Und dieselben politischen und medialen Milieus, die bei jeder rülpsenden Kuh sofort Schnappatmung bekommen, erzählen uns dann etwas von Verantwortung.
Nein, das ist keine Verantwortung. Das ist Doppelmoral im Handgepäck.
Verzicht ist nur dann gut, wenn andere verzichten sollen
Diese Doppelmoral hat ein klares Muster. Verzicht ist immer dann besonders populär, wenn ihn andere leisten sollen. Der Landwirt soll umbauen, reduzieren, investieren. Der urbane Mittelstand dagegen, der sich zwei, drei oder vier Flugreisen im Jahr leistet, möchte bitte nicht allzu hart behelligt werden.
Dort spricht man lieber von Offenheit, Weltläufigkeit und Erholung. Als ob Kerosin weniger schädlich würde, wenn die Passagiere Hafermilch trinken und am Zielort eine Yogamatte ausrollen.
Warum Landwirte als ideale Zielscheibe dienen
Die Klimadebatte ist deshalb nicht nur schief. Sie ist auch sozial und kulturell bequem. Politik, Medien und NGOs moralisieren gegen die Landwirte und schonen ihre eigene Klientel: Wähler, Leser und Spender.
Landwirte sind dafür eine ideale Zielscheibe: sichtbar, greifbar, bildstark. Der Vielflieger dagegen ist oft Teil genau jenes Publikums, das sich selbst für besonders reflektiert hält.
Darum wird lieber über Kühe geredet, als über Flughäfen. Darum gilt der Kuhstall als Problemzone, der Flug nach Malle oder Malé aber als private Marotte mit internationalem Flair. Darum darf die Landwirtschaft seit Jahren als Klimasünder Nummer eins herhalten, obwohl die Zahlen etwas anderes sagen.
Dass ausgerechnet der Flugverkehr steuerlich geschont wird, ist Irrsinn mit Methode
Man muss die Landwirtschaft nicht romantisieren, um diesen Irrsinn zu erkennen. Natürlich verursacht sie Emissionen. Natürlich muss sie weiter reduzieren.
Aber wer ernsthaft behaupten will, die Klimapolitik richte sich nach Dringlichkeit, der soll zuerst erklären, warum ein Sektor mit 27 Prozent der Klimawirkung steuerlich geschont wird, während auf einen Sektor mit 14 Prozent Emissionsanteil permanent eingeprügelt wird.
Die Antwort ist unerquicklich, aber simpel: Weil es politisch einfacher ist, Kühe zu beschuldigen als Konsumgewohnheiten der eigenen Wähler, Leser und Spender anzugreifen.
Diese Klimadebatte greift nicht dort an, wo die Emissionen am stärksten steigen. Sie greift dort an, wo der Widerstand am schwächsten ist. Sie bekämpft lieber den Rülpser einer Kuh als die 20 Tonnen CO₂, die ein Airbus A350 pro Stunde ausstösst – und tarnt diese Feigheit als moralische Konsequenz.
Wir haben nicht nur ein Klimaproblem. Wir haben auch ein Problem mit unserer Ehrlichkeit. Solange das so bleibt, ist diese Klimadebatte nicht nur schief. Sie ist eine organisierte Form der Verlogenheit.


