
Armon Fliri steht auf der gemähten Weide vor einem Altgrasstreifen, den Pflanzspaten in der Hand. Für Spaziergänger sieht es aus, als ob der Landwirt vom Bio-Bauernhof Sonnenberg diesen Streifen beim Mähen vergessen hätte. Er hat das hohe Gras aber bewusst stehen gelassen.
Im Winter finden Insekten und andere Kleintiere darin Schutz. Sie bilden wiederum die Nahrungsgrundlage für grössere Tiere wie Wiesel.
Der Altgrasstreifen ist eine von vielen Massnahmen auf dem Sonnenberg. Fliri und seine Frau Johanna bewirtschaften den Hof seit 2004 nach den Richtlinien von Bio Suisse.
Der Betrieb zeigt: Landwirtschaft und Biodiversität lassen sich verbinden. Das verlangt jedoch mehr als ein paar zusätzliche Strukturen am Feldrand. «Entscheidend sind die Auswahl der Massnahmen, ihre Lage und die Pflege über viele Jahre», sagt Biodiversitäts-Expertin Véronique Chevillat.
Véronique Chevillat hat als Mit-Autorin das neue
Praxishandbuch «Biodiversität in der Landwirtschaft»
mitgeschrieben, herausgegeben vom
Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL)
und der Vogelwarte Schweiz.

Der Sonnenberg ist eine Biodiversitäts-Oase am Stadtrand von Zürich
Der Sonnenberg liegt Luftlinie nur acht Kilometer vom Hauptbahnhof Zürich entfernt am Rande der dicht besiedelten Agglomeration.
Armon Fliri nennt seinen Betrieb eine «Biodiversitäts-Oase am Stadtrand von Zürich». Ein schönes Bild – aber eines, das Fragen aufwirft. Eine Oase ist ein begrenzter, fruchtbarer Ort in einer lebensfeindlicheren Umgebung.
Für Menschen mag das romantisch klingen. Für Tiere und Pflanzen kann die Begrenzung zum Problem werden. Eine ökologisch wertvolle Fläche hilft vielen Arten nur dann langfristig, wenn sie gross genug und mit weiteren Lebensräumen vernetzt ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Armon Fliri Biodiversität fördert – das ist offensichtlich. Sondern: Wie aus seinen zahlreichen Massnahmen ein funktionierendes Lebensraumnetz?
Ein Bauernhof wie ein Mosaik
Von den 41,4 Hektaren Gesamtfläche sind 11 Hektaren als Biodiversitätsförderflächen BFF ausgewiesen:
16 ha Ackerfläche
10 ha Weiden
4 ha Naturwiesen, 2,5 ha extensive Weiden, 2,5 ha Kunstwiesen
6 ha extensive Wiesen
0,4 ha Rebfläche
Hecken, Gebüschgruppen, Kleingewässer sowie Ast- und Steinhaufen.
Auf den Äckern wachsen unter anderem Winterweizen, Dinkel, Speisehirse und Speisesoja für die Tofu-Produktion. Kunstwiesen regenerieren die Böden und liefern Futter.
Zum Betrieb gehören 28 Angus-Mutterkühe mit ihren Kälbern und einem Stier, 18 Angus-Mastkühe mit Aufzucht sowie 18 Pensionspferde, 12 Schafe und verschiedene Kleintiere.

Die Expertin analysiert die Biodiversität auf dem Sonnenberg
Im Schatten unter einem acht Meter hohen Birnbaum – ein Gelbmostler, eine Sorte, die vor 100 Jahren hier verbreitet war – erzählt Armon Fliri,: Seit 2005 hat er über 120 Hochstamm-Feldobstbäume und einige Nussbäume gepflanzt. «Aus den Äpfeln und Birnen keltern wir den eigenen Süssmost», sagt der Landwirt und schenkt uns ein grosses Glas ein.
Parallel dazu hat er über den ganzen Betrieb Hecken, Gebüschgruppen, Altgrasinseln, Ast- und Steinhaufen, Ruderalflächen (etwa Aufschüttungen) und Kleingewässer angelegt.
Auf den ersten Blick liesse sich das wie eine Checkliste abhaken: Hochstammbäume, extensive Wiesen, Steinhaufen – alles vorhanden. Doch damit ist die Arbeit nicht getan.
«Es gibt viele Möglichkeiten, die Biodiversität zu fördern», sagt Véronique Chevillat. «Auch kleine Massnahmen wie Ast- oder Steinhaufen oder das Stehenlassen von Rückzugsstreifen geben vielen Tieren Schutz und Rückzug.»
Wer die Bedürfnisse der vorkommenden Arten und das Standortpotenzial berücksichtigt, maximiert den Nutzen für die Biodiversität. Für Zauneidechsen etwa sind Altgrasstreifen und Kleinstrukturen besonders geeignet.
«Und dieser Birnbaum hat zum Beispiel hat eine schöne Höhle für Brutvögel», sagt Fliri. Seit Jahren beobachtet er hier ein Waldkauz-Paar.
Wiesen sind Lebensraum und Produktionsfläche zugleich
Chevillat führt uns weiter zu einer Kunstwiese, die Lebensraum und Produktionsfläche zugleich ist.
Fliri hat sie mit einer gezielten Samenmischung aus Gräsern und Klee angelegt und mit Gülle und Mist seiner Angus-Herde gedüngt. Drei Mal im Jahr mäht er sie; das liefert eiweissreiches und energiereiches Futter.
Daneben liegt eine extensive (ungedüngte) Naturwiese, artenreich und weitgehend naturbelassen. Die Pflanzen blühen und versamen, bevor das Gras im Spätsommer geerntet wird. Das steigert ihren Wert für Insekten und andere Wildtiere, senkt aber den Nährwert des Futters.
«Jede Massnahme hat ihre Nutzen und manchmal auch ihre Herausforderungen», sagt Chevillat. «Rückzugsstreifen bieten Schutz und Nahrung für Insekten, welche die Wiese nach der Mahd schneller wiederbesiedeln.»
«Auf wüchsigen Wiesen müssen sie aber bei jedem Schnitt an einem anderen Standort stehengelassen werden – sonst bildet sich Grasfilz, und lichtbedürftige Kräuter verschwinden.»

Die Natur will in die Äcker zurück – inklusive den Wildschweinen
Auf dem daneben liegenden Acker produziert Fliri Lebensmittel für Menschen: Weizen und Dinkel für Mehl, Hirse und Soja für die Ernährung, Hier zeigt sich der Grundkonflikt am deutlichsten.
Der Landwirt braucht einen möglichst gleichmässigen Pflanzenbestand, muss Unkraut kontrollieren und zum richtigen Zeitpunkt ernten. Wildtiere brauchen dagegen Lücken, unterschiedliche Wuchshöhen, blühende Begleitpflanzen und Zeiten ohne Bodenbearbeitung.
Fliri bringt die Biodiversität über eine vielfältige Fruchtfolge in den Acker. Er wechselt Nutzpflanzen aus verschiedenen botanischen Familien ab. Das erhält die Bodengesundheit, fördert die Biodiversität und reguliert Krankheiten sowie Schädlinge auf natürliche Weise.
Dazu kommen Untersaaten (etwa Rotklee im Winterweizen) und Zwischenfrüchte (etwa Gelbsenf), weite Getreidereihen und Nützlingsstreifen. Säume und Buntbrachen bringen Blüten, Samen und Überwinterungsplätze in die Ackerlandschaft.
Das fördert die Biodiversität – hat aber auch einen unerwünschten Effekt: «Nach einem starken Landregen durchwühlten kürzlich zwei Wildschwein-Rotten einen ganzen Acker. Die vielen Regenwürmern hatten sie angelockt. «Nicht nur bei den Menschen liegt Protein im Trend», sagt Fliri und lacht, während er einen Wildschwein-Zaun aufstellt.
Auch mit Biodiversität bleibt das meiste Leben unsichtbar
Auf dem Rundgang über den Sonnenberghof sind viele Vögel, Insekten und Blüten sichtbar. Ein grosser Teil der Biodiversität aber bleibt unsichtbar – er liegt unter den Füssen.
Das Praxishandbuch nennt als Grössenordnung zehn Tonnen Bodenorganismen pro Hektare. Auf dem ganzen Sonnenberghof leben demnach 400 Tonnen Pilze, Bakterien, Einzeller, Würmer und weitere Bodentiere. «Die Bodenlebewesen wiegen mehr als alle unsere Kühe, Pferde, Ziegen und anderen Tiere zusammen», sagt Fliri.
Diese Organismen zersetzen organisches Material, stellen Nährstoffe bereit, bilden Poren und stabilisieren den Boden. Sie beeinflussen, wie gut er Wasser aufnimmt und speichert. Ohne sie gäbe es weder die Blumenwiese noch den Weizen, den Wein oder das Futter für die Angus-Rinder.

Hinter der Biodiversität auf dem Sonnenberg stecken zwei Jahrzehnte Arbeit
Wer glaubt, dass ein Landwirt einfach «die Natur stehen lassen kann, dann kommt die Biodiversität von alleine», der irrt.
Fliri schürft an ausgesuchten Stellen den Humus ab, um wärme- und trockenheitsliebenden Insekten und Reptilien gute Bedingungen zu schaffen. Für die Steinhaufen gräbt er 80 Zentimeter tief bis unter die Frostgrenze – das garaniert wechselwarmen Tieren wie Eidechsen, Blindschleichen und Erdkröten ein frostfreies Winterquartier.
Unsere artenreiche Kulturlandschaft ist nicht durch Nichtstun entstanden, sondern über Jahrhunderte durch menschliche Nutzung. Wiesen, Weiden, Hecken und Obstgärten verschwänden ohne Bewirtschaftung.
Seit zwei Jahrzehnten fürdert Fliri die Biodiversität, indem er:
Wiesen zum passenden Zeitpunkt mäht;
Altgrasstreifen regelmässig verlegt;
Hecken abschnittsweise zurückschneidet;
Hochstammbäume pflegt und ersetzt;
Kleingewässer vor der Verlandung bewahrt;
Ruderalflächen offenhält;
invasive Neophyten entfernt;
Strukturen kontrolliert und erneuert.
In der Schweiz sollen Biodiversitätsbeiträge theoretisch den Pflegeaufwand und die Ertragsausfälle abgelten. «In der Praxis investiere ich als Landwirt seit 20 Jahren viel Arbeitszeit, Fläche und Geld in die Biodiversität – auf eigene Kosten», relativiert Fliri.
Auch die scheinbar einfachste Massnahme in dieser Biodiversitäts-Oase verlangt langfristige Planung und Geduld. Pflanzt Armon Fliri heute einen neuen Hochstamm-Obstbaum, schafft er einen Lebensraum, dessen grösster ökologischer Wert erst der nächsten Generation zugute kommt.
Bibliographische Angaben
Praxishandbuch «Biodiversität in der Landwirtschaft»
Véronique Chevillat et al.
Haupt Verlag Bern, 1. Auflage 2026, 352 Seiten, Softcover
über 580 Fotos, Illustrationen und Infografiken
ISBN 978-3-25-808504-3
CHF 34.00 / € 44.00



