Warum die Schweizer Bio-Weltmeister sind und wieso sie noch mehr wollen
Die Schweizer geben weltweit am meisten für Bio aus und haben mit 12,3 Prozent den höchsten Bio-Anteil am nationalen Lebensmittelmarkt. Doch die Bio-Weltmeister wollen mehr: 15 Prozent Marktanteil.

Kurz & bündig
Die SchweizerInnen geben mit 476 Euro pro Kopf und Jahr am meisten für Bio-Lebensmittel aus.
Damit ist die Schweiz Bio-Weltmeisterin mit 12,3 Prozent Bio-Anteil am Umsatz des Lebensmittelmarktes.
Bis 2030 will Bio Suisse den Bio-Anteil von 12,3 auf 15 Prozent steigern.
Der «Bio-Motor der Schweiz» sind die Detailhändler Coop und Migros, die zusammen 80 Prozent des Schweizer Lebensmittelmarktes beherrschen.
Neu will Bio Suisse bei der schnellen, urbanen Alltagsverpflegung wachsen: An Bahnhöfen, in «To-go»-Formaten und Convenience-Regalen sowie in der Gemeinschafts-Gastronomie.
In Bern lässt sich gut studieren, wie die Schweiz funktioniert: Sogar für Schweizer Verhältnisse bedächtig und pragmatisch. Im Bahnhof Bern erklärt mir Urs Brändli, warum ausgerechnet die Schweiz Bio-Weltmeister ist. Der Präsident von Bio Suisse spricht dabei im gleichen nüchternen Ton, in dem Schweizer über ihre pünktlichen Züge sprechen.
Die Schweiz hatte 2025 mit 12,3 Prozent den weltweit grössten Bio-Anteil am Umsatz des nationalen Lebensmittelmarktes und SchweizerInnen geben mit 476 Euro pro Kopf und Jahr am meisten für Bio-Lebensmittel aus. Dänemark liegt mit 12 Prozent und 362 Euro knapp dahinter, gefolgt von Österreich mit 10 Prozent und 274 Euro sowie Deutschland mit 6,5 Prozent und 191 Euro.
Die Schweizer haben ein Talent dafür, grosse Fragen in kleine Alltagshandlungen zu übersetzen. «Wir sind deswegen weder moralisch überlegen noch perfekt», sagt Urs Brändli. Bio ist hierzulande weniger Bekenntnis als Einkaufsroutine.

Bei Bio-Eiern versteht jeder Konsument sofort, worum es geht
Das Bio-Ei ist das ideale Schweizer Bio-Produkt: alltagstauglich, konkret und in seiner Eierschale nachhaltig «verpackt». Die 28 Prozent Anteil der Bio-Eier am gesamten Eiermarkt sind kein Zufall. «Viele Schweizer greifen zu Bio-Eiern, weil sie gut schmecken – und weil die Hühner Auslauf und nachhaltiges Futter bekommen», sagt Brändli.
Genau so funktioniert Bio hierzulande: nicht als Weltanschauung, sondern mit pragmatischen Argumenten, wenn der Nutzen sichtbar, vorstellbar und alltagstauglich ist. Beim Ei versteht jeder sofort, worum es geht. Beim Salat auch. Bei Kartoffeln ebenfalls.
Komplizierter wird es dort, wo Bio nicht mehr in einer Schachtel liegt: bei Mikroorganismen im Boden oder bei der Belastung des Trinkwassers durch synthetische Pflanzenschutzmittel.
Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie gross der Schweizer Bio-Markt im Vergleich zu den Nachbarländern geworden ist. 2025 wuchs er noch einmal um 2,8 Prozent auf 4,3 Milliarden Franken (4,6 Milliarden Euro) oder 12,3 Prozent am Umsatz des nationalen Lebensmittelmarktes.
Neben den Eiern sind auch andere Bio-Produktgruppen stark: Gemüse, Salate und Kartoffeln, Brot mit 24,6 Prozent Marktanteil, Molkereiprodukte mit 14 Prozent. Bio ist in der Schweiz längst nicht mehr nur Sache von Hofläden und Reformhäusern. Es liegt an den Supermarkt-Kassen in vielen Einkaufskörben.
Und das ist eine typisch schweizerische Pointe. Andere Länder leisten sich grössere Visionen. Die SchweizerInnen leisten sich den grösseren Bio-Warenkorb.

Bio wird gekauft, Bio wird gewünscht, die Bio-Mehrwerte werden verstanden
Doch der Rekord erzählt nur die halbe Geschichte. Denn der Bio-Anteil am Schweizer Lebensmittelmarkt stagniert seit 2020, weil viele KonsumentInnen wieder stärker auf die Preise achten müssen.
«Bio-Weltmeisterin zu sein ist schön, aber wir wollen mehr» sagt denn auch Balz Strasser, Co-Geschäftsführer von Bio Suisse. «Unser Ziel ist es aber, den Bio-Marktanteil bis 2030 von 12,3 auf 15 Prozent zu steigern.»
«Bio wird gekauft, Bio wird gewünscht, unsere Mehrwerte werden verstanden», ist Balz Strasser überzeugt. Aber Bio wachse nicht automatisch immer weiter. Dazu brauche es ein klares Bekenntnis und Engagement des Detailhandels – insbesondere im Regal.
In der Schweiz steht und fällt Bio mit den Detailhandels-Riesen Coop und Migros
Dieser Satz führt direkt ins Machtzentrum des Schweizer Bio-Booms. Es sind nicht romantische Hofbilder oder politische Sonntagsreden über Biodiversität, die Bio gross gemacht haben.
Es sind die millionenschweren Werbe-Budgets der Detailhändler Coop und Migros, die 80 Prozent des Schweizer Lebensmittelmarktes beherrschen. Ihre aufwändigen TV-Werbespots für Bio-Produkte sind in der Schweiz legendär.
Urs Brändli nennt Coop (mit 9000 Bio-Produkten im Sortiment) und Migros (4000 Bio-Produkte) den «Bio-Motor der Schweiz». Das ist nicht übertrieben. Platzieren Coop und Migros die Bio-Produkte sichtbar und breit im Regal, wächst der Markt. Straffen sie das Sortiment oder verschieben sie Prioritäten, wird es sofort heikel.
Genau das zeigte sich 2025. Coop legte beim Bio-Umsatz 3,9 Prozent zu. Migros dagegen verlor 2 Prozent, weil sie die Sortimente gestrafft (sprich: Bio-Produkte ausgelistet) und einige Bio-Produkte in die Tiefpreislinie versetzt hat. Gleichzeitig gewannen Discounter wie Aldi und Lidl mit ihren Bio-Hausmarken neue bio-affine Kundschaft. Das erhöhte den Druck zusätzlich.
Mit anderen Worten: Selbst bei der Bio-Weltmeisterin Schweiz ist das gute Gewissen nur bedingt krisenfest. Es hängt an Regalmetern, Sortimentsentscheiden und Preisetiketten vom Duopol Coop und Migros.
Am Ende geht es immer ums Geld. Um die Frage, wie viel die SchweizerInnen für eine andere Form von Landwirtschaft zu zahlen bereit sind.
Bio kostet mehr. Das ist banal und zugleich der neuralgische Punkt der ganzen Branche. Regelmässig zeigen Studien, dass der höhere Preis für viele KonsumentInnen die grösste Hürde ist.
Gemäss einer Umfrage von Demoscope sind 52 Prozent der Schweizer KonsumentInnen bereit, für Bio mehr zu bezahlen – für sauberes Wasser, lebendige Böden, mehr Biodiversität und gesunde Lebensmittel.
Aber zwischen erklärter Bereitschaft und Verhalten an der Kasse liegt bekanntlich jene Zone, in der viele gute Absichten leise zusammenfallen.
Für Urs Brändli ist Bio kein Aufpreis, sondern eine Investition
Urs Brändli versucht, genau dort anzusetzen. «Bio ist kein Aufpreis, sondern eine Investition mit messbarem Mehrwert für die tiefere Belastung von Wasser und Böden, für mehr Biodiversität und strengere Produktionsregeln.»
Das ist ein Satz wie aus einer Medienmitteilung. Aber an ihm entscheidet sich die Praxis: Wer Bio kauft, soll nicht nur den Preis des Joghurts sehen, sondern auch die Kosten für Boden, Wasser und Artenvielfalt mitdenken.
Das Problem: Der Alltag ist kein philosophisches Seminar. Er ist ein Donnerstagabend, ein schneller Einkauf, ein Blick aufs Budget – und vielleicht noch zwei Kinder, welche die süsse Quengelware vor der Supermarkt-Kasse wollen. Genau hier beginnt die eigentliche Bewährungsprobe von Bio.
Selbst in der reichen Schweiz lässt sich das Wachstum von Bio nicht allein über Überzeugung sichern. Schärfer formuliert: Die Schweiz ist reich genug für Bio, aber nicht immer gelassen genug für den Preis.
Auch wer sich schnell «To go» verpflegt, soll Bio essen können
Gerade deshalb zielt Bio Suisse nun auf einen Bereich, mit dem sich die traditionelle Bio-Bewegung schwertut: schnelle, urbane Alltagsverpflegung. An Bahnhöfen, in «To-go»-Formaten, in Convenience-Regalen und in der Gemeinschafts-Gastronomie liegt das nächste Wachstumspotenzial.
Das ist tatsächlich ein kleiner Epochenwechsel. Bio ist historisch im direkten Kontakt zwischen Produzenten und Konsumenten gross geworden: auf Märkten, in Hofläden, in überschaubaren Kreisläufen.
Nun soll Bio auch dort wachsen, wo Menschen im Vorbeigehen essen, «To go» zwischen zwei Zügen einen Bio-Salat kaufen oder mittags im Coop-Restaurant ein Bio-Menü geniessen.
Brändli sagt, nach Corona seien die Menschen wieder viel unterwegs. Doch gerade in Bahnhöfen und Gemeinschafts-Gastronomie finde man kaum oder nur sehr wenig Bio-Produkte. Das wolle Bio Suisse ändern.
Das ist strategisch wichtiger, als es zunächst klingt. Kommt Bio in Bahnhöfen, urbanen Zentren und Kantinen an, verlässt es die Rolle des bewusst gewählten Spezialprodukts und wird Teil des Alltags.
Dann entscheidet nicht mehr nur die hochmotivierte Stammkundschaft, sondern die breite, ambivalente Mitte: jene Menschen zwischen überzeugten Bio-Käufern und jenen, denen es gleichgültig ist, was sie essen.
Genau diese Mitte muss Bio erobern, wenn aus dem Weltmeistertitel mehr werden soll als eine hübsche Schlagzeile für die Jahres-Medienkonferenz von Bio Suisse.
Bio-Weltmeisterin zu sein, heisst nicht, am Ziel zu sein
Am Ende des Gesprächs in Bern bleibt ein doppelter Eindruck zurück:
Die Schweiz ist tatsächlich Bio-Weltmeisterin: in der Landwirtschaft mit 18,4 Prozent Bio-Fläche, im Detailhandel mit 12,3 Prozent Marktanteil, bei den KonsumentInnen mit 476 Euro pro Kopf und Jahr für Bio-Lebensmittel.
Das ist keine Nische mehr, sondern ein relevanter Teil des Ernährungssystems. Bio-Weltmeisterin zu sein, heisst aber nicht, am Ziel zu sein. Es heisst nur: Die Ausreden werden kleiner.
Ein wohlhabendes, stabiles, qualitätsversessenes Land wie die Schweiz sollte es schaffen, den Bio-Anteil weiter zu erhöhen. «Wenn wir Schweizer das nicht können», fragt Urs Brändli, «wer kann es dann?»


