Food Revolution

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In der Tiefenmühle werden kleine Ernten von Ölsaaten und Hülsenfrüchten zu Lebensmitteln

Marlene und Marc Nyffenegger haben die stillgelegte Tiefenmühle wiederbelebt, in der sie Ölsaaten und Hülsenfrüchte verarbeiten. Dafür werden sie mit dem «Grand Prix Bio Suisse» 2026 ausgezeichnet.

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Jürg Vollmer
Nov. 06, 2026
Marc Nyffenegger von der Tiefenmühle betrachtet lächelnd eine Schale mit aussortierten Sonnenblumenkernen vor einem grossen optischen Farbausleser. Die Maschine sortiert die Kerne mithilfe von Kameras und Sensoren nach Farbe und Qualität.
«Im Farbausleser der Tiefenmühle erfassen vier Kameras jeden Sonnenblumenkern, ein Luftstoss schiesst ihn innert Millisekunden aus der Bahn», sagt Marc Nyffenegger. (Foto: Jürg Vollmer)

Ein Sonnenblumenkern fällt, vier Kameras erfassen ihn, ein Luftstoss schiesst ihn aus der Bahn. Im Farbausleser der Tiefenmühle dauert das Millisekunden.

Marc Nyffenegger steht neben der dreistöckigen Schälmühle. Von oben nach unten werden die Sonnenblumenkerne zuerst gebürstet, damit sich die schwarze Haut vom creme-weissen Kern löst. Dann werden sie gesiebt. Zuletzt prüfen die Hochgeschwindigkeitskameras jeden Kern im freien Fall.

«Erkennt das System eine farbliche Abweichung, schiesst eine Druckluftdüse genau dieses Teil in Millisekunden aus dem Produktstrom», sagt Marc Nyffenegger. Aussortiert werden dunkle Schalenstücke, Kerne mit Pilzbefall, Steinchen, Erde und Pflanzenreste.

Anbauen, verarbeiten, verkaufen – auf dem eigenen Hof und in der eigenen Mühle

Marlene Nyffenegger bewirtschaftet den 13 Hektar umfassenden Landwirtschaftsbetrieb, der zur Tiefenmühle gehört.

Ihr Mann Marc Nyffenegger verarbeitet die eigene Ernte und jene anderer LandwirtInnen aus der ganzen Schweiz. Einen Teil der Produktion verkaufen die beiden unter der Marke «Alpenpionier».

So bleibt die Wertschöpfung aus Schweizer Bio-Getreide, -Hülsenfrüchten und -Ölsaaten im Land – und im Betrieb.

Drei lächelnde Personen stehen bei der Verleihung des Grand Prix Bio Suisse 2026 nebeneinander. Links halten Marc und Marlene Nyffenegger von der Tiefenmühle die gerahmte Auszeichnung vor einem gelben Banner mit dem Bio-Suisse-Logo. Rechts von ihnen steht Jurypräsidentin Madeleine Kaufmann.
Marc und Marlene Nyffenegger von der Tiefenmühle nehmen die Auszeichnung für den «Grand Prix Bio Suisse» von Jurypräsidentin Madeleine Kaufmann entgegen. (Foto: Jürg Vollmer)

Bio Suisse zeichnet die Tiefenmühle von Marlene und Marc Nyffenegger in Herdern TG am Bodensee mit dem «Grand Prix Bio Suisse» 2026 aus.

Der mit 10.000 Franken dotierte Preis wird zum 20. Mal vergeben (hier die bisherigen Gewinner). Ausgezeichnet werden innovative und nachhaltige Projekte der Bio-Branche in der Schweiz.

«Die Tiefenmühle zeigt beispielhaft, wie sich Verarbeitungslücken in der Landwirtschaft schliessen lassen, so dass die Wertschöpfung aus Schweizer Bio-Rohstoffen im Inland bleibt» sagte Jurypräsidentin Madeleine Kaufmann an einer Medienkonferenz.

Die Jury würdigt den Mut und das Herzblut des Unternehmerpaars. Die Tiefenmühle sei weit mehr als eine Hofmühle – nämlich eine Verarbeitungsplattform für die ganze Bio-Branche: regional verwurzelt, mit nationaler Ausstrahlung.

Eine Kundenmühle für kleine Mengen

Die Anlage schält, reinigt und reduziert Keime. Die Ernten werden aus der ganzen Schweiz angeliefert:

  • Ölsaaten: Kürbiskerne, Leinsamen, Hanf, Sonnenblumenkerne

  • Hülsenfrüchte: wie Linsen, Lupinen

  • Getreide: Gerste, Hirse

Nur Erdnüsse, Cashews und Haselnüsse kommen wegen den darin enthaltenen Allergenen nicht in die Tiefenmühle.

Für kleine Betriebe kann eine solche Kundenmühle entscheiden, ob sie ihre Ernte überhaupt als Lebensmittel verkaufen können. Eine eigene Anlage wäre für die LandwirtInnen bei kleinen Mengen kaum ausgelastet. Der Tiefenmühle bringen diese Aufträge Arbeit und Einnahmen.

Der Austausch läuft in beide Richtungen. Marc schält die Kürbiskerne eines Landwirtschaftsberiebes im 25 Kilometer entfernten Schaffhausen. Umgekehrt lässt Marlene dort ihre Hanfsamen zu Öl pressen.

Drei unterschiedlich grosse Schraubgläser mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen stehen hintereinander auf einem Tisch in der Tiefenmühle. Vorne ein Glas mit braunen Leinsamen, in der Mitte eines mit roten Linsen und hinten ein grosses Glas mit gelbem, grob gemahlenem Maisgriess (Bramata). Im Hintergrund sind gestapelte Papiersäcke zu sehen.
Die Tiefenmühle verarbeitet die unterschiedlichsten Ölsaaten, Hülsenfrüchte und Getreide (v.l.): Leinsamen, rote Linsen und grob gemahlenes Maisgriess (Bramata). (Foto: Jürg Vollmer)

Eine Mühle mit fast 700 Jahren Geschichte

Die Geschichte der Tiefenmühle reicht bis zum 26. November 1343 zurück. Damals verlieh Abt Eberhard von Reichenau die Mühle an Konrad den Bettler. Dessen Name trügt: Seiner Familie gehörte über 200 Jahre auch der benachbarte Schlossturm.

Brände zerstörten 1877 und 1895 Teile der Anlage. Immer wieder wurde sie aufgebaut und verändert.

1922 übernahm Marcs Urgrossvater Adolf Nyffenegger die heruntergekommene Mühle. Er baute eine Kundenmüllerei auf: Bauern brachten ihr Getreide und liessen es in der Speisemühle mahlen.

Nach dem Grossvater übernahm 1960 Marcs Vater Max und machte aus der Speisemühle (für die menschliche Ernährung) eine Futtermühle (für Nutztiere und Haustiere).

Nach der Liberalisierung des Getreidemarkts 2001 verschwanden viele Mühlen. Max Nyffenegger legte die Tiefenmühle vor seiner Pensionierung still und verpachtete das Land. Die Familie behielt die Gebäude und ein Kleinwasserkraftwerk.

Auf der Suche nach Lösungen für die Weiterführung des Kleinwasserkraftwerkes besuchte Sohn Marc andere Mühlen in der Region – dort packte ihn der Müllerei-Virus: «Ich merkte, dass mich dieser Beruf deutlich mehr erfüllt als meine bisherige Tätigkeit als Umweltingenieur.»

Deshalb absolvierte er die dreijährige Ausbildung zum Müller EFZ mit dem Ziel, später eine Mühle zu übernehmen. Die gelernte Pflegefachfrau Marlene absolvierte gleichzeitig die Ausbildung zur Landwirtin EFZ.

Aus der Leidenschaft für Landwirtschaft und Müllerei wurde die Grundlage für eine neue gemeinsame Existenz.

Marc Nyffenegger von der Tiefenmühle trägt lächelnd einen grossen braunen Papiersack mit Kürbiskernen auf der Schulter. Im Hintergrund sind die Holzkonstruktion der historischen Mühle, eine Leiter und Teile der Verarbeitungsanlagen zu sehen.
Mehrere Hundert Arbeitsstunden Eigenleistung und eine halbe Million Franken steckte der Müller Marc Nyffenegger in den Aufbau, bis er die Anlage im Frühjahr 2025 in Betrieb nehmen konnte. (Foto: Jürg Vollmer)

Von «Alpenpionier» konnten sie Marke, Schälmühle und Kunden übernehmen

Die Gelegenheit zum Neustart der Tiefenmühle kam mit «Alpenpionier». Das Unternehmen hatte Schweizer Speisehanf auf den Markt gebracht, geriet jedoch in eine Nachlass-Liquidation.

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