Slow Water: Wie Bauern im Dürresommer 2026 das Wasser auf dem Acker halten
Wie Bruno Zumbrunn müssen viele Landwirte wegen Dürre schon im Sommer ihr Winterfutter aufbrauchen. Mit dem Projekt «Slow Water» soll künftig Regenwasser auf dem Acker und in Speichern bleiben.

Landwirt Bruno Zumbrunn steht mitten in seinem Maisfeld. «Der Futtermais für meine Milchkühe müsste mir jetzt weit über den Kopf reichen.» Rund drei Meter hoch sollte er sein, mit kräftigen Stängeln und breiten grünen Blättern. An jeder Pflanze ein Maiskolben, so lang wie seine Unterarme.
Stattdessen reicht ihm der Mais kaum bis auf Gurthöhe. Zumbrunn bricht einen Kolben ab und gibt ihn mir in die Hand. Er ist kaum länger als mein Kugelschreiber, die Blätter sind eingerollt. «Ich verliere dieses Jahr durch die extreme Trockenheit 60 Prozent der Ernte.»
Der Futtermais sollte seine 40 Original Braunvieh und die Jungtiere zusammen mit siliertem Gras durch den Winter bringen. Jetzt reicht das Futter kaum bis zum Winteranfang.
Zumbrunnens 35 Hektar Ackerland und 15 Hektar Futterflächen liegen im Bauerndorf Wittinsburg im sogenannten Dreyeckland. Diese Region – Elsass, Nordwestschweiz und Südbaden – gehört im Sommer 2026 zu den am schwersten von Dürre betroffenen Gebieten im deutschsprachigen Raum.

Was nützt ein Regenwasserspeicher ohne Regen?
Ein paar hundert Meter von seinem Maisacker entfernt baut Zumbrunn einen neuen Milchviehstall. Geplant war, dass hier bald 70 Milchkühe stehen. Stattdessen überlegt er, noch bevor der Stall fertig ist, seinen aktuellen Bestand von 40 Milchkühen zu verkleinern.
Nicht wegen dem sehr tiefen Abnahmepreis für Milch. Nicht wegen neuer Vorschriften. Sondern weil das Wasser fehlt.
«Dabei habe ich unter dem Stall ein Regenwasserspeicher gebaut, der 300’000 Liter fasst», sagt Zumbrunn. Soviel wie ein kleines Schwimmbad – oder 100 Tanklöschfahrzeuge der Dorf-Feuerwehr.
Der Speicher soll das Wasser vom Stalldach sammeln: im Normalfall für die Melkmaschinen-Reinigung, in Dürrezeiten als eiserne Reserve.
Doch der Speicher ist leer. «Seit Anfang Juni 2026 ist kein Regen mehr gefallen. Die Bäche führen kein Wasser mehr, die meisten Quellen sind versiegt.»
Zumbrunns Regenwasserspeicher ist zum Sinnbild eines Sommers geworden, in dem nicht fehlende Innovation das Problem ist, sondern fehlendes Wasser.
Ende Sommer ist das Winterfutter schon verbraucht
Normalerweise wächst nach dem ersten und zweiten Schnitt genügend Gras für eine dritte Ernte. Dieses Jahr fiel der dritten Schnitt wegen der Dürre aus.
Schon Mitte Juli musste Zumbrunn Silage-Ballen öffnen, deren Gras eigentlich für den Winter vorgesehen war. Fehlt jetzt zusätzlich der Futtermais, entsteht ein Problem, das kein Regenguss mehr löst: Winterfutter wächst nicht nach, wenn der Sommer vorbei ist.
Was auf Zumbrunns Feldern sichtbar wird, betrifft längst weite Teile der Landwirtschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben bringen massiven Ernteverluste.
Teilweise können Kulturen nur noch untergepflügt werden.
Das Gras wächst kaum noch.
Zusätzliches Futter ist praktisch unmöglich zu bekommen.
«Die Futtermittelhändler können nichts mehr beschaffen, auch unsere Nachbarländer haben sie im wahrsten Sinne des Wortes abgegrast. Die Händler gehen deshalb nicht einmal mehr ans Telefon», sagt Zumbrunn.

Mit der Klimakrise wird Trockenheit zum neuen Normal
Weshalb trifft die Trockenheit des Hitzesommers 2026 die Landwirtschaftsbetriebe so hart? Die Antwort liegt nicht nur in der globalen Erwärmung durch die Klimakrise, sondern auch im Boden.
«Wenn ein Acker austrocknet, wird die Erde extrem hart und wasserabweisend. Dann bildet sich eine feste Kruste, durch die Regen nicht mehr in den Boden einsickern kann und stattdessen an der Oberfläche abfliesst. Im schlechtesten Fall führt es zu Erosion», sagt Christoph Böbner, Leiter des Ebenrain-Zentrums im benachbarten Sissach.
Der Ebenrain ist das kantonale Landwirtschaftsamt (Landwirtschaftsministerium des Bundeslandes) und gleichzeitig regionale Landwirtschaftsschule.
Dazu kommt ein neues Muster: Früher galt Trockenheit als Ausnahme. Mit der Klimakrise wird Trockenheit zum neuen Normal – gleichzeitig nehmen Starkregen-Ereignisse zu. Dann fällt in wenigen Stunden so viel Wasser wie früher in mehreren Wochen.

Die Landwirtschaft setzt auf «Slow Water»
Genau hier setzt das Ressourcenprojekt «Slow Water» an, bei dem auch Zumbrunn mitmacht. «Die Grundidee ist verblüffend einfach» sagt Projektleiterin Sereina Grieder vom Ebenrain-Zentrum. «Wir wollen nicht möglichst viel Wasser zuführen, sondern möglichst wenig Wasser verlieren.»
«Slow Water» kombiniert mehrere Massnahmen:
Regenwasser sammeln, etwa vom Stalldach
Rückhaltebecken anlegen
Versickerungsmulden schaffen – Vertiefungen, die Regenwasser kurzzeitig speichern und kontrolliert vor Ort versickern lassen
Böden schonend bearbeiten
Agroforstsysteme und Hecken fördern
Humusaufbau verbessern
Die Kombination dieser Massnahmen verlangsamt den Wasserabfluss und macht Böden widerstandsfähiger – gegen Trockenheit wie gegen Starkregen.
Die Kantone Baselland und Luzern führen «Slow Water» seit 2022 gemeinsam mit 86 Landwirtschaftsbetrieben durch. Nach Projektende 2031 sollen die Erkenntnisse in alle Schweizer Kantone fliessen.
Über zehn Jahre kostet das Ressourcenprojekt «Slow Water» 4,6 Millionen Franken. Den Hauptanteil von 3,4 Millionen Franken finanziert das Bundesamt für Landwirtschaft BLW (nationales Landwirtschaftsministerium).

Im schlimmsten Fall müssen die Landwirte einen Teil ihrer Milchkühe schlachten
«Aber kein Förderprogramm lässt vertrockneten Mais nochmals wachsen», sagt BLW-Direktor Christian Hofer, der heute auch Zumbrunn besucht. «Und den ausgefallenen dritten Schnitt vom Gras können wir auch nicht ersetzen».
Das BLW unterstützt betroffene Betriebe aber neben dem langfristigen «Slow Water»-Projekt auch kurzfristig:
Direktzahlungen werden trotz dürrebedingter Abweichungen von den Vorgaben vollständig ausbezahlt.
Das BLW hebt die Zölle auf Heu auf.
Es bereitet tiefere Einfuhrzölle für Futtermais vor.
Betriebe mit Liquiditätsproblemen erhalten zinsfreie Betriebshilfe-Darlehen.
«Langfristig soll zudem eine Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung (KSLE) 2050 das Ernährungssystem klimaresilienter machen – auch beim Konsumverhalten», wie BLW-Direktor Christian Hofer betont.
Die Zukunft liegt für Bruno Zumbrunn im Moment weit weg. Am Ende dieses Tages steht er vor seinem neuen Stall. Unter seinen Füssen wartet der Speicher auf 300’000 Liter Regenwasser. Er ist leer.
«Wahrscheinlich muss ich einige meiner Milchkühe zum Schlachthof bringen», sagt er mit belegter Stimme – obwohl er mit dem Regenwasserspeicher, schonender Bodenbearbeitung, Versickerungsmulden, Hecken und Humusaufbau alles Mögliche unternommen hat.
«Den Regen kann ich nicht bestellen. Aber wenn er endlich kommt, kann ich das Wasser besser festhalten und mit meinen Milchkühen den nächsten trockenen Sommer überstehen.»


