Köstliche Früchte, Beeren und Rezepte in Europas grösster Wildobst-Sammlung
In Europas grösster Wildobst-Sammlung wachsen 1300 Sträucher und Bäume von 250 Arten. Ein Rundgang durch den Wildobst-Garten in Mogelsberg SG vermittelt spannende Geschichte(n) und köstliche Rezepte.

Mit dem ersten Frost werden die sauren Früchte und Beeren von Wildobst-Arten über Nacht süss. Deshalb pflückten unsere Grosseltern die Hagebutten, Vogelbeeren oder Schlehen erst im November.
Der Frost verändert die chemische Zusammensetzung der sauren Früchte und Beeren: Deren Stärke- und Säuremoleküle werden in Zucker umgewandelt. Das ist ein Wissen, das in den deutschsprachigen Ländern leider verloren gegangen ist. So wie der Sachverstand aus der Armeleute-Küche.
Unsere Grosseltern durchstreiften jeweils vom späten Frühling an Waldränder, lichte Waldgebieten und Hecken. Sie sammelten dort in ihren Weidenkörben Wildobst und Beeren. Von Juli bis Ende Oktober war dann die Haupt-Reifezeit für die mehr oder weniger süssen Früchte.

Nur in Osteuropa und in den nordischen Ländern werden Wildobst und Beeren noch gesammelt
In Osteuropa und in den nordischen Ländern ist das Sammeln von Wildobst und Beeren nach wie vor verbreitet. Polen und Tschechien, Rumänien und die Ukraine, Finnland und Schweden haben eine lange Tradition im Wildobst sammeln. Dort ist das kulturelle Wissen über Wildobst erhalten geblieben.
In Deutschland, Österreich und dem Südtirol sowie der Schweiz kauft man stattdessen lieber «Superfood» im Supermarkt: Acai-Beeren aus Brasilien, Chia-Samen aus Mexiko oder Yacon-Knollen aus Bolivien.
Das Wissen über essbare Wildobst-Arten und Beeren ist bei uns verloren gegangen. Zudem erfordert das Sammeln in der Natur Zeit und Geduld, die viele Menschen heute nicht mehr haben.

In Mogelsberg wächst Europas grösste Wildobst-Sammlung
Zeit muss man sich auch nehmen, um Europas grösste Wildobst-Sammlung zu erkunden. Diese liegt zwar nur zwanzig Minuten Zugfahrt von der Stadt St.Gallen entfernt, einen Katzensprung über dem Dorf Mogelsberg SG.
Der Rundgang mit der Geografin und Landschafts-Ökologin Waltraud Kugler durch das 3500 Quadratmeter grosse Areal füllt aber einen Nachmittag.
In dieser einmaligen Wildobst-Sammlung stehen 1300 Sträucher und Bäume von 250 Arten wie in einem Rebberg in Reih und Glied. Nebeneinander wachsen die Alpen-Johannisbeere und der Wildapfel, Mispel und Sauerdorn, Korallen-Ölweide und Kornelkirsche.

Zuvorderst steht jeweils die unveredelte Wildobst-Art. Dahinter reihen sich bergaufwärts die züchterisch immer stärker veredelten Kultursorten mit immer weniger Dornen und grösseren Blüten und – seit Jahrhunderten das wichtigste Zuchtziel – mit immer grösseren und süsseren Beeren.
Auf Informationstafeln werden die Arten beschrieben, von deren Ansprüchen an Licht und Boden über Blüten und Früchte bis zur kulinarischen Verwendung. Wer noch mehr wissen will, findet auf den Tafeln einen QR-Code mit weiterführenden Informationen.
Initiiert wurde die Wildobst-Sammlung in Mogelsberg von der SAVE Foundation, deren Projektleiterin Waltraud Kugler ist. Die Abkürzung steht für «Sicherung der landwirtschaftlichen Arten Vielfalt in Europa».
Das junge Bauernpaar Valentin und Rebecca Knaus-Dasen stellt auf seinem Bruggenhof das Land und seine Arbeitskraft zur Verfügung. Die Finanzierung übernehmen verschiedene Stiftungen, der Lotteriefonds und der Bund.

Ein kurzweiliger Rundgang durch die Wildobst-Sammlung in Mogelsberg
Mit ansteckender Leidenschaft erzählt Waltraud Kugler zu jeder Pflanze eine Anekdote, eine Legende oder ein Beispiel aus dem Volksglauben. Zum Beispiel: «Vor dem Holunderstrauch sollte man mit Respekt und Dankbarkeit den Hut ziehen.». Denn in der Volksmedizin und Mythologie war der Holunder eine Pflanze mit heilender Wirkung, in der gute Geister wohnten, die Haus und Hof beschützen.
Tatsächlich sind die meisten Wildobst-Pflanzen reich an Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen. «Und viele haben heilende Wirkungen», erklärt Waltraud Kugler, «Holzäpfel, Holunderbeeren oder Hagebutten wurden zum Beispiel schon vor sechstausend Jahren als Heilpflanzen genutzt».
Fast schon diebischen Spass machen Waltraud Kugler die botanischen Irrtümer: Zum Beispiel tragen die im Wildobstgarten wachsenden 35 einheimische Rosen Stacheln – und keine Dornen. Umgekehrt habe die Stachelbeere Dornen – und keine Stacheln.
In der Wildobst-Sammlung bekommt man Kostproben der Früchte und Beeren zum Probieren
Die meisten Wildobst-Arten und Beeren sind köstlich zu essen. Während der Führung zieht Waltraud Kugler deshalb einen Handwagen hinter sich her. Darin stossen klirrend Gläser und Flaschen voller Chutneys, Marmeladen, Liköre und Säfte aneinander. Alle diese Köstlichkeiten hat sie für die TeilnehmerInnen ihrer Führungen eingekocht.
Auf dem Rundgang bietet sie immer wieder Kostproben an: die säuerlich aromatischen Kornelkirschen, den bitteren Gemeinen Schneeball oder die süssen und fruchtigen Früchtchen der Ölweide. «Akzeptanz geht über den Magen», erklärt Waltraud Kugler schmunzelnd.

Und wer nach dem Besuch in Mogelsberg zu Hause selbst wilde Früchte und Beeren sammeln möchte, bekommt auch Tipps, wann welches Wildobst wann blüht oder reif ist:
Holunderblüten (Mai bis Juni) für Sirup und Saft
Weissdornblüten und -blätter (Mai bis Juni) für Tee
Wildkirschen (Juni bis Juli) für Saft oder Likör, Marmelade oder Kompott
Waldhimbeeren (Juni bis August) für den frischen Verzehr, Marmeladen oder Säfte
Brombeeren (Juli bis September) für den frischen Verzehr, Marmeladen oder Säfte
Holunderbeeren (August bis September) für Sirup und Saft
Vogelbeeren (August bis September) für Likör und Gelee
Sanddorn (August bis Oktober) für Sirup und Saft, Gelee oder Marmelade, Sanddorn-Öl. Wichtig für Veganer: Sanddorn enthält als einzige Pflanze Vitamin B12.
Weissdornbeeren (September bis Oktober) für Gelee und Marmelade sowie Likör oder Tinktur
Hagebutten (ab September bis in den Winter hinein) für Marmeladen
Schlehen (Früchte ab Oktober) für Likör und Gelee

Vielleicht wachsen ja bald wieder in einzelnen Gärten Mispeln. Diese boten früher ab Oktober bis in den Winter hinein ein sättigendes Nahrungsmittel für die ärmeren Bevölkerungsschichten.
Die Familien liessen die orange-braunen Früchte bis nach den ersten Frostnächten am Baum, weil diese erst durch die Kälte weich und süss wurden.
Das mit Honig oder Zimt verfeinerte Mispel-Mus schmeckt wie Apfelstrudel mit einer Füllung aus Boskop-Äpfeln. Feinschmecker geniessen es zusammen mit mildem Käse.
Wildobststräucher und -bäume fördern die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt
Der kommerzielle Anbau von Wildfrüchten in der Schweiz lohnt sich dagegen kaum. Der Ertrag ist zu klein, das Pflücken der Früchte oder Beeren ist Handarbeit und damit zu teuer. Nur vereinzelt pflanzen und pflegen innovative LandwirtInnen grössere Wildobst-Anlagen als Nischenverdienst.
Dafür bepflanzen erste Stadtgärtnereien renaturierte Flächen wieder mit Wildobst. Die Sträucher und Bäume haben viele Vorteile: Sie schützen vor Wind oder Erosion und fördern die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt. Die Gehölze sind Rückzugsorte, Schlafplätze und Nistplätze für Vögel, Insekten und Kleinsäugetiere.
Die oft bedornten Sträucher schützen die Tiere vor Feinden. Die Blüten der Bäume und Sträucher sind Pollen- und Nektarquelle für Bestäuber wie Hummeln oder Bienen. Die Früchte und Beeren sind Nahrungsquellen für Vögel, Insekten und viele andere Tiere. Diese müssen heute – im Unterschied zu früheren Jahrzehnten – keine Angst haben, dass ihnen Menschen die Früchte und Beeren wegpflücken.


