Politik und Wirtschaft beeinflussen die Ernährungspyramide mehr als die Wissenschaft
Nach Deutschland, Österreich und der Schweiz bekommen auch die USA neue Empfehlungen zur gesunden Ernährung. Hinter diesen Ernährungspyramiden stehen mehr Politik und Wirtschaft als Wissenschaft.

Aktualisiert am 12. Januar 2026: USA-Update (Kennedy dreht Pyramide um)
Kurz & bündig
Die Ernährungspyramide wirkt wie Wissenschaft – dahinter stecken aber oft mehr Politik und und Wirtschaft: Der Staat und die Lobbies der Lebensmittel-Industrie entscheiden mit, was als «gesund» gilt.
Der Extremfall in den USA 2026: Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. stellt die Pyramide wortwörtlich auf den Kopf – und plötzlich sollen die US-Amerikaner mehr Fleisch, Käse und Milch essen als Gemüse und Früchte.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz bauten die staatlichen Ministerien zuvor umgekehrt neu Umweltkriterien in die Empfehlungen ein – und lösen damit einen Kulturkampf aus: Gesundheit vs. Klima, Evidenz vs. Annahmen, Alltag vs. Ideale.
Der renommierte Ökonom Mathias Binswanger ordnet ein: «Nimm die Ernährungspyramide als grobe Orientierung – aber iss so, dass es dir gut tut und Freude macht.»
Staatliche Ernährungsempfehlungen werden kritisiert, seit es sie gibt. Denn ihre Geschichte ist nicht nur Wissenschafts-Geschichte. Sie ist auch eine Geschichte von politischen und wirtschaftlichen Interessen – von Lobbies, die bestimmen, was als «gesund» gilt.
Das zeigt sich im Januar 2026 in den USA: Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat die Ernährungspyramide wortwörtlich auf den Kopf gestellt.
Kennedy setzt zwar rhetorisch auf berechtigte Themen wie «weniger Zucker» und «weniger ultraverarbeitete Lebensmittel». Seine Ernährungspolitik ist aber medial inszeniert, in zentralen Punkten wissenschaftlich umstritten – und stark Lobby-getrieben: Kennedy wurde von Lobbyisten aus der US-Rindfleisch- und Milch-Industrie «beraten».
Ich zeige, wie die USA und die deutschsprachigen Länder ihre Ernährungspyramiden bauen – und welche Interessen dahinter stehen.
1992 wurde in den USA die erste Ernährungspyramide publiziert – und seither wird sie kritisiert
1992 veröffentlichte das US-amerikanische Landwirtschaftsministerium USDA die erste Ernährungspyramide. Sie wurde rasch exportiert – trotz Kritik, die bis heute nachwirkt.

So sah die erste USDA-Ernährungspyramide aus:
Getreideprodukte (vor allem raffiniert): 45 Prozent
Gemüse: 15 Prozent, Früchte: 15 Prozent
Proteine (tierisch und pflanzlich): 10 Prozent
Milch und Milchprodukte: 10 Prozent
Fette, Öle und Süssigkeiten: 5 Prozent
Die USDA-Pyramide empfahl eine Ernährung mit höchstens 20 bis 25 Prozent tierischen Proteinen. Eine Prozentzahl, welche mit Ausnahme der «Healthy Eating Plate» (15 bis 20 Prozent) bis heute alle nachfolgenden Modelle beibehalten.
Die Kritik an dieser Pyramide setzte an einem heiklen Punkt an: Das US-Landwirtschaftsministerium empfahl unter Einfluss der Getreide-Lobby auffallend viele Produkte aus raffiniertem Getreide, um den damaligen Sturzflug der Weizenpreise aufzufangen. Damit wurde ein Ernährungsschema plötzlich zur Agrarpolitik – und umgekehrt.
Das Resultat: Viele Amerikaner assen daraufhin soviel «White Bread» und «Mac and Cheese», bis sie nur noch in 5XL-Jeans passten.
Gesunde Fette aus Olivenöl, Nüssen und Fischen sowie pflanzliche Proteine wurden ignoriert. Die Pyramide machte zudem keinen Unterschied zwischen unverarbeiteten und hochverarbeiteten Lebensmitteln und keine Angaben zu Portionen-Grössen.
2011 ersetzte der «MyPlate»-Teller die Ernährungspyramide
2011 ersetzte die US-Regierung die Pyramide durch einen Teller: «MyPlate». Die Form änderte sich – die Grundprobleme blieben: wenig Trennschärfe zwischen unverarbeitet und hochverarbeitet, keine Portions-Grössen, und bei Milch/Milchprodukten sofort die nächste Grundsatzdebatte.

Gemüse: 30 Prozent
Obst: 20 Prozent Prozent
Getreideprodukte und Kartoffeln: 30 Prozent
Proteine (tierisch und pflanzlich): 20 Prozent
Milch und Milchprodukte: Zwei Portionen pro Tag
Auch «MyPlate» empfahl eine Ernährung mit höchstens 20 bis 25 Prozent tierischen Proteinen. Trotzdem kritisierten Veganer erstmals die Empfehlung für Milch und Milchprodukte.
Auf Druck der US-Lebensmittelindustrie unterschied «MyPlate» weiterhin nicht zwischen unverarbeiteten und hochverarbeiteten Lebensmitteln. «MyPlate» machte auch keine Angaben zu Portionen-Grössen.
2017 präsentierte die Harvard Universität den «Healthy Eating Plate»
Um die Schwächen der USDA-Pyramide und von «MyPlate» zu korrigieren, wurde an der Harvard Universität 2017 der «Healthy Eating Plate» («gesunder Teller») entwickelt.
Dieser setzte stärker auf Qualität (zum Beispiel Vollkorn statt Weissmehl), nahm Getränke überhaupt erst als Thema auf und behandelte Pflanzenöle separat. Was weiterhin fehlte: eine klare Portionen-Logik.

Getränke: Wasser, Tee und Kaffee und andere ungesüsste Getränke.
Gemüse: 30 Prozent (wegen dem schnellen Blutzuckerspiegel-Anstieg ohne Kartoffeln).
Obst: 20 Prozent
Getreideprodukte (möglichst Vollkorn): 30 Prozent
Proteine (tierisch und pflanzlich): 20 Prozent (Fisch und Geflügel, Eier, Hülsenfrüchte und Nüsse. Wenig rotes Fleisch oder verarbeitetes Fleisch wie Schinken und Wurst).
Milch und Milchprodukte: Zwei Portionen pro Tag
Pflanzenöle werden separat gerechnet
Der «Healthy Eating Plate» empfiehlt eine Ernährung mit nur 15 bis 20 Prozent tierischen Proteinen. Trotzdem kritisierten Veganer, dass immer noch Milchprodukte erwähnt werden.
Der «Healthy Eating Plate» unterscheidet die Lebensmittel neu nach deren Qualität, empfiehlt zum Beispiel Vollkornprodukte statt raffiniertes Getreide. Aber auch der «Healthy Eating Plate» macht keine Angaben zu Portionen-Grössen.
2024 berücksichtigt die Schweizer Ernährungspyramide erstmals die Umwelt
Die Schweiz zog im Herbst 2024 nach – und verschob den Fokus: Die neue Schweizer Ernährungspyramide berücksichtigt erstmals Umweltwirkungen. Sie betont weniger stark verarbeitete Produkte, empfiehlt saisonal und regional, und setzt stärker auf Vollkorn sowie pflanzliche Proteinquellen.
Getränke: Pro Tag 1 bis 2 Liter Wasser, Tee und Kaffee und andere ungesüsste Getränke
Gemüse: 25 Prozent, Obst: 20 Prozent
Getreideprodukte, möglichst Vollkorn und Kartoffeln: 25 Prozent
Proteine (tierisch und pflanzlich): 10 Prozent
Milch und Milchprodukte: 20 Prozent
Nüsse und Samen (1 Handvoll pro Tag), Fette und pflanzliche Öle (2 Essöffel pro Tag)
Fettes, Süsses und Salziges, Süssgetränke und Alkohol: Selten
Auch die neue Schweizer Pyramide empfiehlt eine Ernährung mit 20 bis 25 Prozent tierischen Proteinen (Fleisch und Milchprodukte). Trotzdem ist in der Pyramide nur eine Pouletbrust zu erkennen, fast schon verschämt hinter einem Stück Tofu.
Der Schweizer Bauernverband SBV kritisiert: «Eine Behörde kritisiert Futtermittelimporte für Geflügel, die andere propagiert den Pouletfleisch-Konsum. Eine Behörde propagiert Nose-to-Tail («Vom Schnörrli zum Schwänzli»), die andere zeigt als Symbol für Fleisch in der Pyramide ausgerechnet eine Pouletbrust. Die Vermischung von Gesundheit und Umwelt schafft nur Verwirrung.»
2024 erntete die neue Ernährungspyramide in Deutschland harsche Kritik
Deutschland ging 2024 denselben Weg: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE und die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung BLE integrierten Umweltwirkungen in die neue Pyramide – und lösten prompt Gegenwind aus.
Die Milch-, Fleisch- und Eierbranchen kritisierten die Mengenempfehlungen. Zusätzlich griff die Deutsche Akademie für Präventivmedizin DAPM den Ansatz grundsätzlich an: «Die Empfehlungen sind nicht ausreichend evidenzbasiert und stellen Klimaziele über die Gesundheit.»
Getränke: 1,5 Liter Wasser, Tee und Kaffee und andere ungesüsste Getränke pro Tag.
Gemüse: 35 Prozent, Obst: 15 Prozent
Getreideprodukte, möglichst Vollkorn und Kartoffeln: 30 Prozent (Brot und Beilagen wie Reis und Teigwaren).
Proteine (tierisch und pflanzlich): 10 Prozent
Milch und Milchprodukte: 15 Prozent
Nüsse und Samen (1 Handvoll pro Tag), Fette und pflanzliche Öle (1 Essöffel pro Tag)
Fettes, Süsses und Salziges: Selten
Auch die neue deutsche Pyramide empfiehlt eine Ernährung mit 20 bis 25 Prozent tierischen Proteinen (Fleisch und Milchprodukte).
Dass die Deutschen deshalb täglich nur zwei Portionen Milch oder Milchprodukte konsumieren sollen, jagte den Blutdruck der Milch-Produzenten in ungesunde Höhen: «Das ist Angstmacherei und lebensfremd!»
Und die Empfehlung, pro Woche nur 300 Gramm Fleisch (statt 1000 Gramm) sowie nur ein Ei (statt 5 Eier) zu essen, brachte die Fleisch- und Eier-Produzenten auf die Barrikaden.
Sogar die Deutsche Akademie für Präventivmedizin DAPM kritisiert die neuen Ernährungsempfehlungen als «nicht evidenz-basiert, der Klimaschutz wird über die Gesundheit der Bevölkerung gestellt.»

2024 übernimmt Österreich das Teller-Modell der USA und integriert die vegane Ernährung
Auch die neuen österreichischen Ernährungsempfehlungen berücksichtigen die Auswirkungen auf die Umwelt.
Getränke: 1,5 Liter Wasser, Tee und Kaffee und andere ungesüsste Getränke pro Tag.
Gemüse und Obst: 25 Prozent
Getreideprodukte, möglichst Vollkorn und Kartoffeln: 20 Prozent
Tierische Proteine: 10 Prozent
Pflanzliche Proteine: 20 Prozent
Milch und Milchprodukte: 10 Prozent
Fette, pflanzliche Öle und Nüsse: 15 Prozent
Fettes, Süsses und Salziges: Selten
Die neuen österreichischen Ernährungsempfehlungen sind aber differenzierter als jene in Deutschland und der Schweiz. So gibt es in Österreich erstmals auch Empfehlungen für die vegetarische Ernährung.

2026 stellt US-Gesundheitsminister Kennedy die Ernährungspyramide auf den Kopf
Robert F. Kennedy Jr. holte sich Lobbyisten aus der Rindfleisch- und Milch-Industrie als Berater. Mit diesen stellte Kennedy die Ernährungspyramide wortwörtlich auf den Kopf.
Neu zeigt die US-Ernährungspyramide an der breiten «Spitze» (also eigentlich der Basis) viel Fleisch, Käse und Milch. Im Text dazu werden zwar auch pflanzliche Proteinquellen wie Bohnen oder Soja erwähnt – visuell dominieren jedoch Fleisch und Milch.
Die neue US-Ernährungspyramide empfiehlt täglich 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilo Körpergewicht. Für eine 70 Kilo schwere Person wären das 112 Gramm Eiweiss, wofür sie täglich 500 Gramm Fleisch essen oder 3,7 Liter Milch trinken müsste.
Ausser Leistungssportlern benötigt aber kein Mensch so viel Eiweiss. Zudem erhöhen zu viele Fleisch- und Milchprodukte mit ihren gesättigten Fetten das Risiko chronischer Erkrankungen.
In den USA gelten 40 Prozent der Erwachsenen als adipös. Sie haben einen Body-Mass-Index BMI über 30 – weit über dem Richtwert von 18,5 bis 24,9. Damit gehören die USA weltweit zu den Ländern mit der höchsten Fettleibigkeits-Rate. Kritiker meinen: Mit der neuen Ernährungspyramide werden die US-Amerikaner kaum gesünder.
Top-Ökonom Mathias Binswanger relativiert die Ernährungspyramiden
Entspannter sieht es Mathias Binswanger, gemäss der «Neuen Zürcher Zeitung» einer der einflussreichsten Ökonomen in den DACH-Ländern: «Man sollte Ernährungspyramiden nicht allzu ernst nehmen, sondern höchstens als eine Art Empfehlung sehen.»
Gemäss Binswanger «ist die empirische Evidenz für gesunde Ernährung sehr flexibel und empfiehlt immer wieder andere Formen von gesunden Ernährungen».
Zudem seien die jetzt einbezogenen Auswirkungen auf die Umwelt stark von Annahmen abhängig, die in Bezug auf Umweltwirkungen getroffen werden müssen. Die individuellen Unterschiede der Menschen würden völlig ausser Acht gelassen.
Zum Schluss meint Binswanger: «Essen und Trinken soll Freude machen und zu einem glücklichen Leben beitragen. Ein zu gesundes Leben kann auf die Dauer auch ungesund werden.»




