Milchkühe, High-Tech, Biogas und Gäste: «Erfolgsrezepte» für die Landwirtschaft
Die Milchbauern stehen zwischen Tierschutz und Wirtschaftlichkeit. Vier Landwirtschaftsbetriebe zeigen ihre «Erfolgsrezepte»: hohe Milchleistung und High-Tech, Energieproduktion und Gastronomie.

Kurz & bündig
Vier Landwirtschaftsbetriebe rund um den Bodensee zeigen unterschiedliche Wege zur Wettbewerbsfähigkeit in der Milchviehhaltung und Rindermast.
Biohof Lingenhel, Hofgut Schleinsee, Hof Unterbuck und der Betrieb Härle setzen auf Kreislaufwirtschaft, Hochleistungskühe, Rindermast und Hightech – sowie auf Energieproduktion und Gastronomie.
Die Reportage erklärt, warum Milchviehbetriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz zwischen Tierwohlkritik, Milchpreis und Produktionskosten stehen.
Im Fokus stehen Grasland, Rinderrassen, Fütterung, Milchleistung, Kreislaufwirtschaft und zusätzliche Wertschöpfung auf Bauernhöfen.
Die Milchbauern in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen von zwei Seiten unter grossem Druck.
Einerseits kritisieren Tierschutzorganisationen Hochleistungskühe, beengte Ställe und mangelnder Weidegang. Aus ihrer Sicht steht vieles in der heutigen Milchproduktion im Widerspruch zu einer artgerechten Tierhaltung.
Andererseits decken die Abnahmepreise für Milch oft kaum die Produktionskosten – schon gar nicht, wenn Ställe grosszügiger gebaut, Kühe länger genutzt, Kälber sorgfältiger aufgezogen und Tiere regelmässig auf die Weide gelassen werden sollen. Dabei sind Milchkühe m Grasland die effizienteste Form der Lebensmittelproduktion
Die Milchproduktion für unser Ernährungssystem wichtig. Rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz konsumieren täglich oder mehrmals täglich Milchprodukte.
Und gerade im Alpenraum und im alpinen Vorland, wo 40 bis 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Grasland sind, hat die Milchviehhaltung handfeste Vorteile:
In diesen Regionen wächst auf vielen Flächen Gras, aber kein Brotweizen, keine Kartoffeln und keine Sojabohnen.
Als Wiederkäuer können Kühe das für Menschen unverdauliches Gras in das hochwertige Lebensmittel Milch umwandeln.
Grünland schützt zudem den Boden, bindet Kohlenstoff und hält die über Jahrhunderte geschaffenen offenen Kulturlandschaften in Nutzung.
Damit ist aber noch nicht beantwortet, wie ein Milchviehbetrieb heute wirtschaftlich bestehen kann.

Vier Landwirtschaftsbetriebe mit vier verschiedenen «Erfolgsrezepten»
Auf einer Recherche-Reise rund um den Bodensee habe ich vier unterschiedliche Landwirtschaftsbetriebe besucht: zwei in Deutschland, je einen in Österreich und der Schweiz.
Alle arbeiten mit Rindern. Alle stehen im selben Markt. Aber jeder Betrieb hat eine andere Antwort auf dieselbe Frage gefunden:
Wie lässt sich aus Fläche, Futter, Arbeit, Tiergenetik und Vermarktung ein tragfähiges System bauen?
Jeder dieser Landwirtschaftsbetriebe hat sein eigenes «Erfolgsrezept»: Mit konsequenter Kreislaufwirtschaft oder hoher Milchleistung, mit High-Tech im Stall oder Stiermast. In jedem Fall aber mit zusätzlicher Wertschöpfung über Agrotourismus und Energieproduktion.
Was man wissen muss
Die Rasse setzt den genetischen Rahmen für die Milchleistung. So ist Original Braunvieh OB robust, langlebig und berggängig – gibt aber «nur» 5000 bis 6300 Kilo Milch pro Laktation. Holstein und Holstein-Friesian sind Hochleistungsmilchkühe mit 8‘000 bis 12‘000 Kilo pro Laktation.
Das Futter ist ebenso entscheidend. Eine optimale Kombination aus jungem Gras und Heu sowie Weizen, Gerste, Mais oder Soja- oder Rapsschrot, Körnerleguminosen oder Biertreber ergibt eine hohe Milchleistung.
Als Laktation bezeichnet man die milchgebende Phase einer Milchkuh zwischen Kalbung und Trockenstellen. Für Leistungsvergleiche wird eine Standardlaktation von 305 Tagen verwendet.
Die Trockenzeit dauert 40 bis 60 Tage zwischen der Laktation und der Geburt des folgenden Kalbes. In dieser Phase gibt die Kuh keine Milch. Ihr Organismus regeneriert sich und bereitet sich auf die nächste Kalbung vor.
Ich starte meine Recherche-Reise im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Dort ist der Grasland-Anteil mit 97,5 Prozent besonders hoch, klassisches Ackerland spielt keine Rolle. Vorarlberg ist das ultimative Milchkuh-Ländle.

Der Biohof mit «nur» einer Milchkuh pro Hektar
In Doren im Vorderen Bregenzerwald führt die 28jährige Laura Lingenhel den Biohof Lingenhel in fünfter Generation. Der Hof liegt auf rund 700 Metern über Meer. Viele Wiesen sind steil. Viele Flächen lassen sich nur mit wendigen, kleinen Einachs-Geräteträgern bewirtschaften.
Der Betrieb arbeitet nach biologisch-dynamischen Demeter-Richtlinien. 2019 wurde die Familie Lingenhel mit dem renommierten Ceres-Award als «Biolandwirte des Jahres» ausgezeichnet.
Zum Hof gehören 23 Hektar Grünland, etwas Wald und Obstbau. Darauf hält Laura Lingenhel bewusst «nur» 23 behornte Original Braunvieh OB. Die Kälber wachsen muttergebunden auf.
«Mit diesem Verhältnis von Grünland und Kühen können wir das Futter für die Tiere vollständig selbst produzieren und finanziell ausgewogen wirtschaften», sagt Laura Lingenhel.
Sie will nicht möglichst viel Kühe und möglichst viel Milch. Sie will ein System, das zum Standort passt. Seit 2016 erhalten die Tiere kein Kraftfutter mehr. «Seither sind unsere Kühe gesünder und agiler», betont Laura Lingenhel.
Die Milchleistung liegt bei «nur» bei 4850 Kilo pro Laktation. Zum Vergleich: Das ist weniger als die durchschnittliche Milchleistung von Original Braunvieh im Berggebiet mit 5000 bis 5500 Kilo. Aber es ist Teil des Systems: weniger Zukauf, weniger Druck auf die Kuh, mehr Eigenständigkeit.
Auch der Hofdünger bleibt im Kreislauf. Der Festmist aus dem Laufstall wird kompostiert und wieder als Dünger auf das Grünland ausgebracht.
Zusätzliche Wertschöpfung entsteht im Hofladen, in der Erlebnisküche, mit Brotbackkursen sowie Seminaren und Gruppenangeboten. «Nebenbei» wäre dafür das falsche Wort. Solche Betriebszweige schaffen Einkommen, aber sie fressen auch Zeit.
Laura Lingenhel zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann auch heissen, bewusst kleiner zu bleiben – und aus Konsequenz, Glaubwürdigkeit und Nähe zu den KonsumentInnen Wert zu schaffen.

Der Agrotourismus-Hof mit Hochleistungs-Milchkühen
Ein anderes Modell steht in Kressbronn im württembergischen Bodenseehinterland.
Die Familie Gührer führt das Hofgut Schleinsee. Zum Betrieb gehören 40 Hektar Grünland, 30 Hektar Ackerland sowie Wald und ein eigener See. Das Hofgut liegt auf sanften Hügeln im württembergischen Bodenseehinterland auf rund 480 m ü. M.
Betriebsleiter Marc Gührer hält 65 Milchkühe und rund 80 Tiere Nachzucht. Die Herde besteht überwiegend aus Holstein-Rindern
Die Fütterung ist leistungsorientiert. Die Tiere erhalten Gras- und Maissilage, Energieträger wie Körnermais und Wintergerste aus dem eigenen Betrieb sowie zugekaufte Eiweissträger wie Raps- und Sojaschrot. Am Melkroboter kommt zusätzlich Kraftfutter dazu.
Damit erreicht der Betrieb eine sehr hohe Milchleistung von 14‘000 Kilo pro Laktation. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Milchleistung von Holstein-Kühen liegt bei 9000 bis 11’000 Kilo. Entscheidend ist hier nicht nur die Genetik, sondern das ganze Paket aus Fütterung, Tierbeobachtung, Stallmanagement und Technik.
«Das Milchvieh ist die Basis unseres Erlebnis- und Ferienhofs», sagt Marc Gührer. Dieser Satz erklärt das Betriebsmodell. Die Kühe liefern Milch. Aber sie liefern auch das Bild eines Bauernhofs, das Feriengäste suchen: Stall, Tiere, See, Hofcafé, Milchautomat, Hofladen.
Die hohe Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich auch daran, dass die Milch vom Hofgut Schleinsee zur lila Milka Alpenmilch-Schokolade verarbeitet wird. Für die Kinder auf dem Ferienhof ist das vermutlich überzeugender als jede Powerpoint-Folie über Wertschöpfungsketten.
Viele Familien verbringen ihren Urlaub auf dem Hofgut Schleinsee. Übernachtet wird in ehemaligen Wirtschaftsgebäuden wie dem Hopfen-Trockenraum, in der Remise und dem Gesindehaus oder im Bootshaus direkt am See.
Im Hofcafé wird als regionale Spezialität eine Dinnete serviert, ursprünglich ein Teigfladen, um die Temperatur des Holzofens fürs Brotbacken zu prüfen.
Schleinsee zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann entstehen, wenn Milchviehhaltung nicht allein über den Milchpreis bezahlt wird, sondern Teil eines Erlebnis- und Ferienhofs wird.

Der Rindermast-Betrieb mit Biogas-Tankstelle
In Thayngen im Kanton Schaffhausen führt die Familie Müller den Hof Unterbuck in dritter Generation. Der Betrieb bewirtschaftet 150 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche nach den Vorgaben von IP-Suisse, dem Label für Integrierte Produktion (naturnahe und tierfreundliche Landwirtschaft).
Unterbuck ist kein Milchviehbetrieb. Mit der für Schweizer Verhältnisse hohen Anzahl von 450 Stierkälbern im Aussenklimastall mit Strohbett gehört der Hof Unterbuck zu den grössten Schweizer Stiermast-Betrieben.
Dass solche Tiere auf spezialisierte Mastbetriebe kommen, hat biologische und wirtschaftliche Gründe. Eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb geboren hat. Wenn vor der Besamung nicht die weiblichen und männlichen Spermien sortiert werden, ist etwa die Hälfte der Kälber männlich.
Die Stierkälber bleiben meist nur wenige Wochen auf dem Milchviehbetrieb. Danach kommen sie in spezialisierte Mastbetriebe wie den Hof Unterbuck.
Hier werden die jungen Stiere bis zur Schlachtung ein Jahr nach Schweizer Tierwohlprogrammen gehalten. BTS steht für Besonders Tierfreundliche Stallhaltung und RAUS für Regelmässiger Auslauf ins Freie. Die Simmentaler und Limousin fressen auf dem Hof Unterbuck zu 95 Prozent Futter aus eigener Produktion.
Der Hof Unterbuck gilt als Vorzeigebetrieb, der für seine Kreislaufwirtschaft bekannt ist und 2022 die erste landwirtschaftliche Biogas-Tankstelle der Schweiz eröffnet hat.
Betriebsleiter Christian Müller hat schon früh in die Energieproduktion mit Photovoltaik sowie Biogas aus Mist, Gülle und organischen Reststoffen diversifiziert.
Die Energie produziert er für einen Wärmeverbund und die hofeigene Biogas-Tankstelle. «Mit den Tieren und der Energieproduktion haben wir ein nachhaltiges Stoffstromsystem», sagt Christian Müller.
Stoffstromsystem ist kein hübsches Wort. Aber es beschreibt ziemlich genau, worum es geht: Was im einen Betriebszweig anfällt, wird im anderen genutzt. Mist und Gülle werden nicht entsorgt, sondern liefern Energie. Futter wächst auf eigenen Flächen. Wärme geht in den Verbund. Aus Landwirtschaft wird Infrastruktur.
Unterbuck zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann entstehen, wenn ein Betrieb nicht nur Tiere hält, sondern Stoffströme organisiert.

Der Hochleistungs-Hof mit High-Tech-Milchkühen
Der vierte Betrieb liegt in Laubbach in Baden-Württemberg, am Rande des Naturschutzgebietes Pfrunger-Burgweiler Ried. Die Familie Härle bewirtschaftet dort 250 ha Ackerland und Grünland, Moorgebiet und Wald.
Erich Härle und seine Söhne Jonas und Lukas halten 250 Holstein mit Nachzucht. Die Tiere stehen in Aussenklimaställen mit Strohbett und werden entwicklungsgerecht gefüttert. Damit erzielen die Härles eine sehr gute Milchleistung von 10‘000 Kilo pro Laktation.
Was auf dem Betrieb sofort auffällt: Hier geht es um klare Abläufe, Skaleneffekte und High-Tech. Im Melkkarussell können zwei Mitarbeiter pro Stunde 100 Milchkühe melken. In der gleichen Zeit melkt man in einem maschinellen Melkstand nur fünf Kühe.
Bei meinem Besuch ist das Melkkarussell so sauber, dass ich mich auf den Boden setzen könnte. «So macht die Arbeit mehr Freude, aber man darf die Stunden nicht zählen», sagt Erich Härle.
High-Tech ist auch der Bolus. Dieser Sensor wird der Kuh einmalig durch das Maul eingegeben. Durch sein Gewicht bleibt er im Netzmagen und misst unter anderem Körperkerntemperatur und Bewegungsaktivität.
Jonas Härle sieht diese Daten auf dem Smartphone. Er erkennt damit früh, wenn eine Kuh krank wird, brünstig ist oder kurz vor der Kalbung steht. Technik ersetzt hier nicht den Blick auf das Tier. Sie macht ihn schneller und systematischer.
Für die Diversifizierung sind Mutter Monika Härle und Tochter Anna Härle-Löffler zuständig. Seit 2021 führen sie ein Hofcafé für Radfahrer, Wanderer und Gäste aus der Region, das zusätzliche Wertschöpfung generiert.
Das Hofcafé bietet 160 Gästen Platz. An Spitzentagen produziert die gelernte Köchin und Konditormeisterin Anna Härle-Löffler bis 40 Kuchen und Torten. Mehr als 30 MitarbeiterInnen arbeiten mit, darunter auch ein Vollzeitbäcker für die Holzofenbäckerei.
Die Familie Härle zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann aus Grösse, Technik und Arbeitsorganisation entstehen – aber auch hier bleibt der Milchpreis nicht die einzige Einnahmequelle. Das Hofcafé macht aus eigenen und regionalen Rohstoffen ein regionales Produkt mit Gesicht.

Vier «Erfolgsrezepte» zur Wettbewerbsfähigkeit
Auf meiner Recherche-Reise rund um den Bodensee habe ich vier Betriebe kennengelernt und vier grundverschiedene Antworten auf dieselbe Frage erhalten: Wie lässt sich aus Fläche, Futter, Arbeit, Tiergenetik und Vermarktung ein tragfähiges landwirtschaftliches System bauen?
Lingenhel setzt auf Reduktion und Wertschöpfung: weniger Kühe und weniger Milch je Kuh, robuste Zweinutzungstiere, Futter vom eigenen Grünland, Demeter-Label, Direktvermarktung und Bildungsangebote. Wettbewerbsfähigkeit entsteht hier nicht über Menge, sondern über Glaubwürdigkeit, Kreislaufdenken und Nähe zu den KonsumentInnen.
Schleinsee verbindet Hochleistungsmilchvieh mit Ferienhof, Hofladen, Hofcafé und Bauernhoferlebnis. Die Kuh produziert dort nicht nur Milch für die lila Alpenmilch Schokolade, sondern auch Bilder, Geschichten und Vertrauen.
Unterbuck macht aus Tierhaltung, Ackerbau und Energie ein Kreislaufsystem. Die Stiermast auf der einen Seite, Photovoltaik und Biogas auf der anderen Seite. Wettbewerbsfähig ist der Betrieb, weil er Stoffströme nutzt, die anderswo Kosten verursachen würden.
Härle steht für Skaleneffekte in der Milchproduktion: grosse Herde, High-Tech, leistungsgruppenbezogene Fütterung und klare Arbeitsorganisation. Ergänzt wird dieses Modell durch das Hofcafé, das aus eigenen und regionalen Rohstoffen ein regionales Produkt mit Gesicht macht.
Keine dieser Strategien ist für alle Betriebe die richtige. Genau das ist die wichtigste Erkenntnis dieser Reise.
Wettbewerbsfähigkeit in der Landwirtschaft hat keine Einheitsformel. Sie kann aus hoher Leistung entstehen, aus konsequenter Nische, aus Kreislaufwirtschaft oder aus zusätzlicher Wertschöpfung über Gäste und Direktkontakt.
Entscheidend ist nicht, ob ein Betrieb maximal viel Milch oder Fleisch produziert. Entscheidend ist, ob sein System zum Standort, zu den Menschen, zu den Tieren und zum Markt passt.


