Wie Pangram und ein Humanizer-Tool mir beibringen wollen, menschlicher zu schreiben
Der KI-Detektor Pangram hält meine Reportagen für «100 Prozent KI». Wer klar formuliert, logisch argumentiert und Texte redigiert, wird verdächtig. Ein Humanizer-Tool rät: schlampiger schreiben.

Die Newsletter-Plattform Substack hat neu Pangram integriert, einen KI-Detektor, der Texte darauf prüft, ob sie von Menschen oder von künstlicher Intelligenz (KI) geschrieben wurden.
Das könnte mir am Allerwertesten vorbeigehen. Ich recherchiere meine Reportagen über Landwirtschaft und Ernährung vor Ort. Nach vier Jahrzehnten als Journalist brauche ich keine KI, um Texte zu schreiben.
Ich nutze KI dennoch: für die Recherche – früher hiess das Google-Suche – sowie als Hilfe beim Korrekturlesen. Als freier Journalist habe ich keine Redaktion mit Korrektoren im Hintergrund.
Diagnose des KI-Detektors Pangram: «100 Prozent KI»
Pangram wirbt mit einer sehr niedrigen Falsch-Positiv-Rate: Nur bei 0,01 Prozent rein menschlicher Texte soll das System fälschlicherweise KI vermuten.
Unabhängige Forschende bezweifeln solche Aussagen. Solche Werte werden nur mit idealisierten, standardisierten Datensätzen erreicht, etwa Wikipedia-Artikeln. Sobald Texte davon abweichen, sinkt die Trefferquote deutlich.
Aus Neugier habe einige meiner Reportagen von Pangram testen lassen. Texte, die ich vor Ort recherchiert und selbst geschrieben, gekürzt, umgestellt, verworfen und nochmals geschrieben habe.
Die Diagnose von Pangram: «100 Prozent KI».
Das ist auf eine fast tröstliche Art konsequent. Ein Mensch schreibt heute verdächtig, wenn er verständlich formuliert, Sätze grammatikalisch korrekt aufbaut, Gedanken zu Ende führt und Absätze nicht wie ein Sack Kartoffeln über die Treppe kippt.
Das Humanizer-Tool empfiehlt: schlechter zu schreiben
Nun gibt es auch sogenannte Humanizer-Tools. Sie sollen KI-Texte so umformulieren, dass sie natürlicher wirken und von Erkennungssoftware schwerer aufzuspüren sind.
Ich fragte ein solches Humanizer-Tool, wie meine Texte menschlicher klingen könnten.
Die Diagnose: «Dein Stil ist zu klar, die Übergänge zu sauber, die Argumentation zu logisch.»
Das Rezept dagegen: mehr «Störgeräusche». Füllwörter wie eigentlich, irgendwie, ja, halt, eh oder tja. Gedanklich solle ich zudem unsauberer von Absatz zu Absatz springen.
Wenn ich nicht für eine Maschine gehalten werden wolle, müsse ich weniger perfekt schreiben. Sätze stehen lassen, obwohl sie noch holpern. Absätze mit Also oder Aber beginne. Mich wiederholen. Den dramaturgisch Faden verlieren. Tippfehler wären auch hilfreich.
Zwei Beispiele, zwei Zumutungen
Zwei Beispiele aus der Analyse des Humanizer-Tools zeigen, wie absurd die Diagnosen des KI-Detektors Pangram und jene des Humanizer-Tools sind:
Mein Text: Angeblich können sich Goldfische neun Sekunden lang konzentrieren, durchschnittliche LeserInnen nur acht Sekunden. Das ist wissenschaftlich nicht belastbar, trifft aber einen Nerv.
Humanizer-Tool: Hand aufs Herz: Wie lange hält deine Aufmerksamkeit gerade? Angeblich schaffen Goldfische neun Sekunden – wir LeserInnen nur acht. Wissenschaftlich ist das zwar Quatsch, aber der Satz tut trotzdem weh, weil er einen Nerv trifft.
Mein Text: Was mich zunehmend irritiert: Wie schnell aus Kritik der Vorwurf wird, ein journalistischer Text müsse von irgendeiner Lobby bezahlt sein, sobald er nicht ins eigene Weltbild passt.
Humanizer Tool: Und da setzt bei mir der Frust ein: Passt ein Text nicht haargenau ins eigene Weltbild, kommt sofort die reflexartige Keule: «Der ist doch von der Lobby geschmiert!»
Journalismus ist ein Handwerk
Als Chefredakteur hatte ich jungen JournalistInnen beigebracht, klar und verständlich zu schreiben, auf saubere Übergänge zu achten und logisch zu argumentieren.
Füllwörter wie eigentlich, irgendwie, ja, halt, eh oder tja haben keinen Aussagewert. Und wenn jemand sich wiederholte oder den Faden verlor, war das kein Beweis für besondere Menschlichkeit, sondern schlechtes Handwerk und damit ein Fall fürs Überarbeiten.
Und hier liegt das Problem: Die Muster, nach denen KI-Detektoren suchen, treffen vor allem auf Menschen zu, die ihr Handwerk beherrschen. Auf AutorInnen, die vor Ort recherchieren, präzise formulieren, kürzen, umstellen, verwerfen und nochmals schreiben.
Meine Meinung: Pangram geht mir am Allerwertesten vorbei
KI ist für mich beim Recherchieren und Korrekturlesen nützlich. Ich nutze sie offen. Aber ChatGPT & Co. haben meine Begegnungen mit LandwirtInnen, Forschenden und Lebensmittelproduzenten vor Ort nicht erlebt.
Sie entscheiden nicht, welche Fragen in einer Reportage wichtig sind, welche Widersprüche ich stehen lassen möchte und welcher Satz am Ende besser gestrichen wird.
Wenn Pangram trotzdem behauptet, meine Texte seien zu 100 Prozent KI, dann geht mir das am Allerwertesten vorbei.
Ich bleibe ein Journalist mit einer ausgeprägten Abneigung gegen schlampig geschriebene Texte und Füllwörter.



Über dieses Thema verliere ich (und ich meine wirklich „Verlieren“) viele Gedanken und somit kostbare Zeit. Es ist mittlerweile tatsächlich so, dass Texte auf „Menschlichkeit“ gescannt werden. Schreibfehler gewinnen an Sympathie. Ich habe auch meine Lust am Veröffentlichen und Teilen etwas verloren und behalte meine emotionalen Werke, besonders wenn sie in meinen Augen literarisch gut herausgekommen sind, lieber von Hand geschrieben in meinen selbstgebunden Büchern für mich selbst… Und ich mag diese Entwicklung auch nicht. Denn wenn das alle tun würden, gäbe es gar keine „echten“ Texte mehr auf dieser Plattform.
Das Muster kenne ich aus anderem Kontext: Systeme, die auf Verdacht optimiert sind, produzieren Unschuldige als Verdächtige. Nicht weil sie böswillig sind – sondern weil sie Pattern Matching betreiben statt zu verstehen. Die Kosten tragen immer die Falschen: hier die, die ihr Handwerk können. Absurd wird es, wenn die Lösung heisst «schlechter arbeiten, damit du nicht verdächtig wirkst» – das ist Anpassung an ein kaputtes System statt es zu hinterfragen.