Studie zeigt: Unsere Ernährung belastet das Klima vom Acker bis auf den Teller
Die Klimabilanz unseres Essens entsteht von der Landwirtschaft über Verarbeitung und Handel bis zum Haushalt. Das zeigt die Studie «Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland» von Agora Agrar.

Kurz & bündig
Die Studie «Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland» von Agora Agrar analysiert die Treibhausgas-Emissionen der Ernährung entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Die Resultate gelten grundsätzlich auch für Österreich und die Schweiz. Besonders relevant sind Landwirtschaft, Haushalte und fossile Energie.
Laut Studie verursacht die Ernährung alleine in Deutschland rund 235 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr.
Rund 70 Prozent dieser ernährungsbedingten Emissionen entfallen auf Milch- und Fleischerzeugnisse.
Agora Agrar leitet daraus vier politische Hebel ab: 1. ambitioniertere Ernährungspolitik, 2. klimaeffizientere Landwirtschaft, 3. Wiedervernässung von Mooren und 4. Ausbau erneuerbarer Energien.
Es gibt Themen, welche die Politik gern an den Rand schiebt, obwohl sie dringend und wichtig sind. Ernährung ist so ein Fall. Jeder kauft ein, jeder isst, jeder hat eine Meinung. Das macht die Ernährung für Politiker zur heissen Kartoffel: Zu privat, zu moralisch aufgeladen, zu nah an Gewohnheiten. Also lassen sie diese lieber fallen.
Die Studie «Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland» setzt genau dort an, wo die politische Debatte auffallend still wird: Essen ist keine Frage des Lebensstils, sondern ein klimapolitisch relevantes System. Sie zeigt, wo entlang der Wertschöpfungskette Emissionen entstehen und welche politischen Hebel sich daraus ableiten lassen.
Wer steht hinter der Studie zur «Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland»?
Bei jeder Studie schaue ich zuerst: Von wem kommt sie und wem nützt sie? In diesem Fall stammt sie von Agora Agrar, einer politiknahen Denkfabrik in Berlin. Politiknah meint ausdrücklich nicht parteipolitisch und regierungsnah, sondern auf politische Umsetzbarkeit ausgerichtet.
Agora Agrar ist ein Teil der Agora Think Tanks gGmbH und finanziert sich aus Stiftungen. Die Agora war in den antiken griechischen Städten der zentrale Platz, an dem Bürger zusammenkamen, um politische Debatten zu führen.
Die Denkfabrik schreibt denn auch nicht primär für die Wissenschaft, sondern für jene, die Politik gestalten oder beeinflussen: Ministerien, Verwaltung, Abgeordnete, Verbände, Stiftungen und NGOs in Deutschland. Für sie entwickelt Agora Agrar wissenschaftlich fundierte, politisch umsetzbare Vorschläge für Ernährung, Landwirtschaft und Forstwirtschaft.
Hauptautorin der Studie «Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland» ist Tanja Dräger.

Eine datenbasierte, gut strukturierte und politisch anschlussfähige Argumentation
Die Doppelrolle von Agora Agrar – Analyse und Intervention – prägt den Text. Die Studie ist keine rein deskriptive Bestandsaufnahme, sondern eine gezielte Einmischung in die Klima- und Ernährungspolitik.
Das macht den Bericht lesbar, ist aber auch deutlich spürbar. Wer hier Neutralität erwartet, liest das falsche Genre. Wer eine datenbasierte, gut strukturierte und politisch anschlussfähige Argumentation sucht, bekommt genau das.
Die Studie erscheint in einem Moment, in dem sich die Debatte verschiebt. Neue Ernährungsempfehlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz setzen stärker auf eine pflanzenbetonte Kost.
Die Studie folgt erkennbar dem Leitbild einer stärker pflanzlichen Ernährung. Empfehlungen wie «mindestens drei Viertel pflanzlich» bilden den Rahmen, in dem Agora Agrar seine klimapolitischen Folgerungen entwickelt.
Weniger Fleisch essen ist einer der grössten Hebel für eine nachhaltige Ernährung und das Klima. Wie wir ohne Verzicht und sogar mit Gewinn unseren Fleischkonsum senken können, zeige ich in diesem Beitrag:
Agora Agrar bringt Komplexität in eine Form, die «politisch bearbeitbar» wird
Agora Agrar arbeitet also nicht gegen den Strom, sondern greift aktuelle Strömungen aus Forschung und Politik auf und kanalisiert diese in einer Fallstudie.
Der Aufbau ist klar: Problemaufriss, Methodik, Ergebnisdarstellung, politische Handlungsoptionen und schliesslich ein Vorschlag für einen Indikator zur Klimawirksamkeit der Ernährung
Das klingt technokratisch, ist aber eine Stärke des Berichtes. Er drückt die Komplexität nicht weg, sondern ordnet sie. Diese Strenge hilft, gerade weil Ernährung gesellschaftlich und politisch ein Minenfeld ist. Unvergessen der Ausruf von Alice Weidel: «Ich lasse mir nicht mein Schnitzel wegnehmen!»
Die Studie zerlegt das grosse, diffuse Thema in drei einfache Fragen: Welche Produkte treiben die Emissionen? Wo entstehen die Emissionen? Und um welche Gase handelt es sich?

Das Ernährungssystem wird als Ganzes analysiert
Die Studie untersuchte einen durchschnittlichen deutschen Lebensmittel-Warenkorb mit 58 Lebensmittelgruppen und Getränken.
Agora Agrar schaute dabei nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auf die gesamte Wertschöpfungskette. Von den vorgelagerten Betriebsmitteln der Landwirtschaft (Dünger, Diesel etc.) über die nachgelagerte Produktion, Verarbeitung und Handel bis zum Konsum in den Haushalten. Auch Moore und andere vorgelagerte Effekte wurden einbezogen.
Gerade das macht den Mehrwert der Studie aus: Sie zeigt, dass die Klimawirkung der Ernährung nicht nur auf dem Bauernhof und nicht nur im Supermarkt entsteht, sondern im ganzen System
Die Studie stellt die Ernährung neben Verkehr, Energie und Gebäude
Die zentrale Zahl ist politisch wirksam: Rund 235 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr gehen in Deutschland auf die Ernährung zurück.
Damit zieht die Studie die Ernährung aus der Nische der individuellen Konsumentscheidung heraus und stellt sie neben Verkehr, Energie und Gebäude. Es geht nicht darum, was Einzelne besser machen könnten, sondern um die Frage, welche politischen Rahmenbedingungen das Ernährungssystem klimafreundlicher machen.
Besonders wichtig ist die innere Verteilung: Rund 70 Prozent der ernährungsbedingten Emissionen entfallen laut Studie auf Milch- und Fleischerzeugnisse. Die Studie zeigt dabei nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Milchprodukte. Besonders Käse sticht hervor, weil ein Kilo Hartkäse aus 13 Liter Milch produziert wird.
Zugleich vermeidet der Bericht die Suche nach einem Sündenbock. Er macht deutlich, dass Emissionen nicht nur an Produkten hängen, sondern auch an Produktionsweise, Energieeinsatz, Moorstandorten und Verbrauchsphase. Genau das verhindert, dass aus einer Systemanalyse eine moralische Konsumanleitung wird.

Ohne Veränderungen in der Landwirtschaft ist keine nennenswerte Reduktion erreichbar
Die Verteilung entlang der Wertschöpfungskette, zeigt ein deutliches Bild:
150 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in der Landwirtschaft
23 Millionen Tonnen in Verarbeitung und Handel
60 Millionen Tonnen bei den VerbraucherInnen
Ohne Veränderungen in der Landwirtschaft ist keine nennenswerte Reduktion erreichbar. Zugleich zeigt die Studie, dass auch die Haushalte einen grösseren Anteil an den Emissionen haben, als viele Debatten nahelegen.
Wer über klimafreundliche Ernährung spricht, muss also über Tierhaltung und Düngung reden, aber auch über Energie, Logistik und Infrastruktur.
Denn die Hälfte der Emissionen geht auf fossiles Kohlendioxid CO₂ zurück. Dieses stammt aus Öl, Kohle und Gas, mit denen Strom und Wärme produziert wird für landwirtschaftliche Maschinen, Stickstoffdünger und die Transporte entlang der Wertschöpfungskette.
Agora Agrar will an vier politischen Hebeln ansetzen
Aus dieser Diagnose leitet Agora Agrar vier politische Hebel ab:
eine ambitioniertere Ernährungspolitik
Anreize für eine klimaeffiziente Landwirtschaft
Wiedervernässung von Mooren
Ausbau erneuerbarer Energie anstelle fossiler Energieträger
Besonders der letzte Punkt ist wichtig, weil die Studie damit Ernährungs- und Agrarpolitik direkt mit Energiepolitik verbindet.
Hinzu kommt der Vorschlag eines Indikators «Klimawirksamkeit der Ernährung», der die Emissionen pro Kopf und Jahr abbilden soll. Heute liegen diese laut Studie bei 2,8 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Person, bis 2050 könnten sie mit einer ambitionierten Politik auf 0,7 Tonnen sinken.
Der Indikator ist mehr als technisches Beiwerk. Er soll aus einem schwer steuerbaren Feld eine überprüfbare Politik machen.
Deutschland, Österreich und der Schweiz haben neue Empfehlungen zur gesunden Ernährung. Wer diese Ernährungsempfehlungen schreibt, zeige ich in diesem Beitrag:
Die Studie von Agora Agrar hat auch ihre Grenzen
So überzeugend die Studie in vielen Punkten ist, ganz ohne Schwächen bleibt sie nicht. Sie ist stark, solange sie ordnet, bilanziert und politische Zusammenhänge sichtbar macht. Schwächer wird sie dort, wo aus Analyse fast unmerklich Prioritäten-Setzung wird.
Natürlich ist Ernährungspolitik normativ. Natürlich muss man gewichten. Aber die Studie wäre noch überzeugender, wenn sie Zielkonflikte genauer ausleuchtete: Wer trägt die Kosten? Was bedeutet das für landwirtschaftliche Betriebe? Und wo geraten Klimaschutz, Tierwohl, Biodiversität und regionale Wertschöpfung aneinander?
Ein zweiter Einwand betrifft den Umweltbegriff. Die Studie fokussiert auf Treibhausgase. Das ist legitim und entspricht dem Titel. Trotzdem bleibt die Frage offen, wie sich Klimawirkung zu anderen Umweltproblemen verhält – etwa zu Biodiversität, Wasser, Nährstoff-Überschüssen oder Pestizid-Belastung.
Eine Klimastudie muss nicht alles gleichzeitig leisten. Aber sie sollte deutlicher markieren, dass Klimawirksamkeit nur ein Ausschnitt ökologischer Wirklichkeit ist.
Die Klimafrage der Ernährung beginnt nicht an der Stalltür und endet nicht am Tellerrand
Trotz dieser Einwände ist der Gesamteindruck klar positiv. Agora Agrar gelingt etwas, das in diesem Feld selten ist: Die Studie moralisiert wenig und politisiert gerade dadurch umso stärker. Sie verschiebt die Frage von «Was sollen die Leute essen?» zu «Welche Strukturen erzeugen die Emissionen – und wie lassen sie sich verändern?»
Darin liegt ihre grösste Stärke. Ihre grösste Schwäche liegt in der unvermeidbaren Normativität und der engen Fokussierung auf Treibhausgase. Trotzdem bietet der Bericht ein belastbares Raster, das für Politik, Verwaltung, Verbände, Wissenschaft und Medien gut lesbar ist.
Am Ende bleibt eine einfache Einsicht: Die Klimafrage der Ernährung beginnt nicht an der Stalltür oder auf dem Acker – und sie endet nicht auf dem Teller. Sie zieht sich durch Moore und Milchleitungen, durch Kühlhäuser, Küchen und Kraftwerke. Genau darin liegt die Leistung der Studie: Sie zeigt den Teller als Teil eines Systems – und zwingt die Politik, ihn auch so zu behandeln.


