
Die Antwort der Schweizer Stimmbevölkerung war deutlich: Am 27. September 2026 lehnten sie die sogenannte Ernährungsinitiative mit über 72 Prozent Nein-Stimmen klar ab (Stand 12:30 Uhr) – obwohl Teile der Initiative für eine Ernährungswende durchaus sinnvoll wären.
Die Ernährungsinitiative wollte den sehr tiefen Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz – also den Anteil der im Inland erzeugten Lebensmittel nach Abzug importierter Futtermittel – innerhalb von zehn Jahren von 42 auf mindestens 70 Prozent steigern.
Dafür hätte die Schweiz mehr pflanzliche Lebensmittel produzieren und essen, die Tierhaltung stärker an die heimische Futterbasis binden sowie Trinkwasser und Biodiversität besser schützen müssen.
Das 70-Prozent-Ziel hätte verlangt, dass sich Anbau, Tierhaltung, Verarbeitung, Handel und Essgewohnheiten in einem Jahrzehnt komplett verschieben. In einem Land mit knapper Ackerfläche, hohen Erträgen und engen Handelsbeziehungen war das kein realistischer Zeitplan.
Unabhängig von der abgelehnten Ernährungsinitiative – von einer entschlossenen Ernährungswende kann in Deutschland, Österreich und der Schweiz keine Rede sein: Die Politik setzt vor allem auf Information und Freiwilligkeit, statt wirksame strukturelle Hebel anzusetzen.
Die Ernährungswende ist nötig, weil unsere heutige Ernährung die Gesundheit belastet und zugleich Klima, Biodiversität und damit ihre eigenen Produktionsgrundlagen gefährdet.
Meine Analyse zeigt, ob die Ernährungswende damit für die nächsten Jahre vom Tisch ist – oder ob sich die Politiker in Deutschland, Österreich und der Schweiz unser Ernährungssystem weiterhin schön trinken.

Der nächste grosse Schauplatz ist die Schweizer Agrarpolitik AP30+
Die Schweizer Regierung hat einen Entwurf für die Agrarpolitik ab 2030 AP30+ in die Vernehmlassung gegeben – bis Ende 2026 können Parteien, Bauernverband und Umweltverbände, Industrie und Handel dazu Stellung nehmen. 2028 entscheidet das Parlament, 2030 sollen die Änderungen in Kraft treten.
Kurzfristig ändert sich für Landwirte, Industrie und Handel sowie KonsumentInnen daher wenig. markiert AP30+ jedoch einen Richtungswechsel:
Heute nutzt die Schweiz 60 Prozent ihrer Ackerfläche für Futtermittel und 40 Prozent für die direkte menschliche Ernährung. Bis 2033 soll es genau umgekehrt sein: 60 Prozent für Nahrungsmittel, 40 Prozent für Tierfutter.
Zusätzliche Beiträge für pflanzliche Kulturen zur menschlichen Ernährung sollen den Kurswechsel unterstützen, während Beiträge für dieselben Kulturen zu Futterzwecken halbiert werden.
Der Staat verändert damit wirtschaftliche Anreize, statt nur Ratschläge zu verteilen – das verbessert die Bedingungen für pflanzliche Lebensmittel, löst aber noch nicht das Absatzproblem.
Denn ein Feld wird nicht per Verordnung zur Wertschöpfungskette verwandeln. Wer Linsen, Speisehafer oder Ölsaaten anbaut, braucht Abnahmeverträge, Verarbeitungskapazitäten und verlässliche Preise. Ohne entsprechende Nachfrage bleiben neue Förderbeiträge ein agrarpolitischer Schubs ohne Markt.

Auf dem Teller bleibt vieles freiwillig
Die Schweizer Ernährungsstrategie 2025–2032 will die Ernährung stärker pflanzenbasierter machen. Sie empfiehlt mindestens einmal pro Woche Hülsenfrüchte und höchstens zwei bis drei Portionen Fleisch.
Die Realität liegt davon weit entfernt:
50 Kilogramm Fleisch pro Kopf/Jahr in der Schweiz
55 Kilogramm Fleisch pro Kopf/Jahr in Deutschland
58 Kilogramm Fleisch pro Kopf/Jahr in Österreich
Das ist fast das Dreifache der empfohlenen Menge – von einem Abwärtstrend keine Spur.
Gewohnheiten ändern sich langsam: vielen fehlen vertraute Rezepte mit Hülsenfrüchten, während Fleisch jederzeit verfügbar, stark beworben und oft Teil günstiger Menüs ist. Wer allein auf Information setzt, unterschätzt, wie stark Preis, Auswahl und Alltag den Einkauf steuern.
Die Schweizer Ernährungsstrategie verlässt sich auf Freiwilligkeit:
freiwillige Reformulierungen von Fertigprodukten
freiwillige Mindeststandards in Kantinen
freiwillige Selbstregulierung der Lebensmittelwerbung für Kinder
Freiwilligkeit beim Essen funktioniert erfahrungsgemäss nur so semigut. Schon die Evaluation der früheren Ernährungsstrategie 2017–2024 bemängelte, dass Freiwilligkeit als einziges Instrument zu schwach ist. Sie empfahl messbare Ziele und regulatorische Massnahmen.

Die Gemeinschaftsgastronomie als unterschätzter Hebel
Die Gemeinschaftsgastronomie ist ein besonders wirksamer Hebel. Schulen, Kitas, Spitälern, Pflegeeinrichtungen, Hochschulen oder Betriebskantinen verpflegen täglich Millionen Menschen:
Wer dort das Standardangebot verändert, verschiebt Nachfrage in grossem Massstab.
Die neuen Schweizer Qualitätsstandards empfehlen täglich eine ausgewogene vegetarische Alternative, mindestens einmal pro Woche Hülsenfrüchte und Fleisch bei höchstens drei von fünf Mahlzeiten.
Auch diese Standards sind freiwillig – öffentliche Auftraggeber könnten sie in Ausschreibungen und Verträge aber verbindlich vorschreiben.
Das gäbe Küchen Planungssicherheit und Landwirtschaftsbetrieben einen verlässlicheren Absatz. Ernährungsbildung nützt; ein guter Linseneintopf auf dem Speiseplan wirkt unmittelbarer.

Der Lebensmitteleinzelhandel soll stärker mitverantwortlich werden
Supermärkte bestimmen, was sichtbar, günstig und bequem ist. Sie entscheiden über Regalplätze, Aktionen, Rezeptideen und Eigenmarken. Stehen pflanzliche Gerichte zuunterst im Regal, während Fleisch-Aktionen grossflächig beworben werden, wird die Ernährungspyramide zur Makulatur.
Handel und Hersteller brauchen deshalb messbare Ziele: mehr Hülsenfrüchte und unverarbeitete pflanzliche Produkte im Standardsortiment, weniger Werbung für stark belastende Produkte, regelmässige Berichte über die Entwicklung. Verfehlen freiwillige Ziele wiederholt ihren Zweck, müssen verbindliche Regeln folgen.
Ein Testfall ist die Lebensmittelwerbung für Kinder. Ein Schweizer Monitoring von 2023 zeigt, dass 78 Prozent der an Vier- bis Neunjährige gerichteten Lebensmittelwerbung dem Nährwertprofil der Weltgesundheitsorganisation nicht entspricht.
Mit Food Waste-Reduktion könnte man viel erreichen – wenn man wollte
Weniger Lebensmittelverschwendung entlastet Gesundheit, Klima und Ernährungssicherheit zugleich. Was nicht im Abfall landet, muss nicht ein zweites Mal angebaut, verarbeitet, gekühlt und transportiert werden.
Food Waste verursacht in den DACH-Ländern ein Viertel der gesamten Umweltbelastung des Ernährungssystems. In der Schweiz fallen pro Person entlang der gesamten Wertschöpfungskette 310 Kilogramm Food Waste pro Jahr an.
Für Deutschland und Österreich kursieren deutlich tiefere Pro-Kopf-Werte, die sich mit der Schweiz aber nicht vergleichen lassen, weil sie Stufen der Wertschöpfungskette und unvermeidbare Reste unterschiedlich erfassen.
Die Schweiz will die vermeidbaren Verluste bis 2030 gegenüber 2017 halbieren. Man hat es auch beim Food Waste mit Freiwilligkeit versucht. Das Resultat ist wenig überraschend:
Von 2017 bis 2024 sanken die Lebensmittelverluste in der Schweiz über die ganze Wertschöpfungskette nur um 5 Prozent. Das Zwischenziel von minus 25 Prozent bis 2025 wurde damit klar verfehlt. Im Lebensmitteleinzelhandel sanken die Lebensmittelverluste im selben Zeitraum immerhin um 20 Prozent. Schnellere Fortschritte sind also möglich – wenn man will.

Deutschland, Österreich und die Schweiz steuern mit Daten von vorgestern
Ein überraschend grundlegendes Problem ist in allen drei DACH-Ländern die Datenlage. Die letzte repräsentative nationale Ernährungserhebung erhob die Schweiz 2014–2015, Österreich 2014–2016 und Deutschland 2005–2007.
Neue Erhebungen sind in Arbeit und sollen ab 2028 publiziert werden. Bis dahin bleibt unklar, welche Gruppen zu wenig Gemüse essen, wo Hülsenfrüchte ankommen und welche Massnahmen wirken.
Wer eine Ernährungswende steuern will, braucht nicht nur Ziele, sondern wiederkehrende Erhebungen nach vergleichbaren Methoden – sonst wird aus Politik schnell ein Streit über Meinungen statt Fakten.
Fünf Prüfsteine für die nächsten Jahre
Die Schweizer Ernährungsinitiative scheiterte an ihrem forschen Tempo. Die zugrunde liegenden Probleme bleiben – in der Schweiz wie in Deutschland und Österreich. Ob aus zögerlicher Ernährungspolitik eine ernsthafte Ernährungswende wird, zeigt sich an fünf Fragen:
Steigt der Anteil der Ackerfläche für Lebensmittel (heute 30–40 Prozent) tatsächlich – und finden die Produkte einen Markt?
Werden Fördergelder für Landwirtschaft, Gesundheit und Klima kohärent ausgerichtet, statt weiterhin gegensätzliche Produktionsanreize etwa für die Fleisch- und Milchproduktion zu setzen?
Nutzen Kantinen, Schulen und Spitäler ihre Einkaufsmacht, um pflanzliche Gerichte zum attraktiven Standard zu machen?
Erhalten freiwillige Vereinbarungen klare Fristen, gefolgt von verbindlichen Regeln, wenn die Ziele verfehlt werden?
Beschleunigt sich die Reduktion des Food Waste deutlich gegenüber den bisherigen Erfahrungen?



Es gibt so viele tolle Alternativen, was unsere Ernaehrung betrifft. Vor allem beim Fleisch. Zum Beispiel Linsen. Ich mache mir relativ oft eine Art Linsen Ragù. Mit Suppengruen oder Knobi, Tomatensauce udnd Gewurze natuerlich. Geschmacklich ist es ganz aehnlich und es hat einen relativ hohen Eisengehalt. Ausserdem sind Huelsenfruechte Krebsvorbeugend.
In der Beziehung bin ich sehr froh, dass ich von der mediterranen Kueche viel gelernt habe.
Klar ist das schade, habe die Plakate gesehen „Nein zum Zwang, vegan zu werden“ oder so ähnlich 🙈🙈🙈 Aber ja, umso wichtiger ist Deine Arbeit hier. - Eine (nur partielle) Parallele: Als ich jung war hörte ich oft den Satz „Bist Du Nichtraucher?“, worauf ich stets sagte „Nein, ich bin normal - Du bist Raucher“. Es ist halt verkehrt rum - Fleisch sollte wieder, wenn dann etwas besonderes sein. Nicht übers Portemonnaie, sondern über das Ernährungsbedürfnis gesteuert.