Die US-Ernährungsrichtlinien von Gesundheitsminister Kennedy und der Fleisch-Lobby
Mit den neuen US-Ernährungsrichtlinien sollen die US-Amerikaner mehr Fleisch und Milchprodukte essen. Und dies, obwohl über 40 Prozent der US-Amerikaner Adipositas (krankhaftes Übergewicht) haben.

Kurz & bündig
Mit den neuen US-Ernährungsrichtlinien fordert Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. die US-Amerikaner auf, viel mehr Fleisch zu essen.
Brisant ist: Kennedy hatte zuvor jahrzehntelang vor den Umwelt- und Gesundheitsschäden des US-Ernährungssystems gewarnt – und vor dem politischen Einfluss der Lobbyisten der Fleisch- und Milch-Industrie.
Genau diese Lobbyisten der Fleisch- und Milch-Industrie haben nun die neuen US-Ernährungsrichtlinien mitgeschrieben.
Anders als bei uns sind es keine Empfehlungen, sondern verpflichtende Richtlinien für die Verpflegung von 90 Millionen US-Amerikanern in Schulen, Krankenhäusern, Militär und staatlichen Ernährungsprogrammen.
Robert F. Kennedy Jr. hat vier Jahrzehnte lang vor den Umwelt- und Gesundheitsschäden des US-Ernährungssystems gewarnt – und vor dem politischen Einfluss der Fleisch- und Milchbranche. Er kritisierte auch das krankhafte Übergewicht vieler Amerikaner, inklusive US-Präsident Trump.
In einem Podcast erklärte Kennedy kürzlich: «Ich weiss nicht, wie Donald Trump noch am Leben sein kann. Er isst total ungesund – nämlich Burger und Pommes von McDonald’s, Süssigkeiten und jede Menge Diet Coke. Trump stopft sich den ganzen Tag mit Gift voll – und ich frage mich, wie er noch laufen kann.»

Anfang Januar 2026 veröffentlichte derselbe Robert F. Kennedy Jr. – jetzt Gesundheitsminister der Trump-Regierung – die neuen US-Ernährungsrichtlinien. Und diese empfehlen genau das Gegenteil: Die US-Amerikaner sollen mehr Fleisch und Milchprodukte essen.
Nur am Rande empfehlen die neuen Ernährungsrichtlinien, dass die US-Amerikaner hoch verarbeitete Produkte meiden sollen. Und sie sollen weniger Zucker konsumieren, vor allem weniger zuckerhaltige Softdrinks wie Coca Cola.
Die neuen Ernährungsrichtlinien bestimmen die Menüs von 90 Millionen US-Amerikanern
In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind es Ernährungsempfehlungen, die im Alltag kaum beachtet werden. Im Unterschied dazu sind die US-Ernährungsrichtlinien für die staatlich organisierte Gemeinschaftsverpflegung verpflichtend:
Schulen: 30 Millionen Kinder und Jugendliche
Krankenhäuser: 500‘000 Patienten/Tag
Militär: 1,3 Millionen Active-Duty-Angehörige
Staatliche Ernährungsprogramme für Haushalte mit tiefem Einkommen: 60 Millionen Menschen
Die Ernährungsrichtlinien bestimmen die Menüs und Einkaufsvorgaben von 90 Millionen der insgesamt 340 Millionen US-Amerikaner.

Die US-Amerikaner sollen soviel Protein essen wie Spitzensportler
Gesundheitsminister Kennedy bestimmt damit die Ernährung von jedem vierten Bürger der Vereinigten Staaten.
Zum Beispiel mit der Forderung nach 1,2 bis 1,6 Gramm Eiweiss pro Kilo Körpergewicht und Tag – doppelt so viel wie der klassische Referenzwert von 0,8 Gramm/Kilo, der als Mindestbedarf für gesunde Erwachsene gilt.
Für eine Person mit 70 Kilogramm sind das 84 bis 112 Gramm Eiweiss pro Tag. Kennedy begründet den Schritt damit, dass die meisten Amerikaner zu wenig Protein zu sich nehmen.
Für diese 112 Gramm Eiweiss müssten die US-Amerikaner jeden Tag zum Beispiel 450 Gramm Rindsfilet essen, 164 Kilo Rindsfilet pro Jahr. Das kann sich kaum ein US-Amerikaner leisten. Zudem essen sie heute schon viel zu viel Fleisch: 127 Kilo pro Jahr (in den DACH-Ländern 50 bis 58 Kilo pro Jahr).

Protein ist nicht automatisch ein Problem. Die Frage ist, aus welchen Quellen es kommt, tierisches oder pflanzliches Protein. Und die US-Amerikaner konsumieren Protein überwiegend in Form von Fleisch.
Gesundheitsminister Kennedy hebt das Protein-Ziel massiv an, ohne gleichzeitig klar zu sagen, dass man Protein auch mit Hülsenfrüchten, Sojaprodukten, Seitan, Nüssen und Samen konsumieren kann. Die Durchschnitts-Amerikaner John Doe und Jane Roe verstehen darunter aber das, was sie kennen: Mehr Fleisch.
Und genau das zeigt auch die neue US-Ernährungspyramide, die Kennedy auf den Kopf gestellt hat: Oben, im grössten Feld, stehen «Protein, Dairy und Healthy Fats» – visualisiert mit einem gebratenem Hähnchen, Steak, Hackfleisch und Käse.

Wenn die US-Amerikaner noch mehr Fleisch essen, gibt es noch mehr Übergewichtige
Die neue Leitbotschaft trifft auf ein Land mit massiven Gesundheitsproblemen:
40 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung gelten als adipös (BMI über 30), bei den über 40jährigen sind es sogar 50 Prozent. Gleichzeitig erreichen etwa 95 Prozent die empfohlenen Ballaststoff-Mengen nicht.
Ballaststoffe stecken vor allem in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse und Nüssen. Diese tragen zur Sättigung bei und unterstützen Darmgesundheit, Blutzucker- und Cholesterinwerte – werden in den neuen Ernährungsrichtlinien aber nur ganz am Rande empfohlen.

Lobbyisten der Fleisch- und Milch-Industrie haben die neuen US-Ernährungsrichtlinien mitgeschrieben
Nachdem sich die gemeinsame Expertenkommission des US-Gesundheits- und des Landwirtschaftsministeriums weigerte, diese Ernährungsrichtlinien zu genehmigen, setzte Gesundheitsminister Kennedy kurzerhand ein neues «Prüfungsgremium» ein.
Die Mitglieder dieses neuen «Prüfungsgremiums» findet man im Bericht zur neuen Ernährungspyramide («The Scientific Foundation For The Dietary Guidelines For Americans»): Zwei Drittel des Gremiums sind Lobbyisten der Fleisch- und Milch-Industrie. Genau von jenen Milliarden-Konzernen, die der heutige Gesundheitsminister bis vor einem Jahr noch kritisiert hatte.
Mit weniger Fleisch kann jeder das Klima und die eigene Gesundheit verbessern
Gesundheitsminister Kennedy verordnet den US-Amerikanern das Gegenteil der aktuellen Ernährungsempfehlungen für Deutsche, Österreicher und Schweizer (siehe mein Erklärstück «Politik und Wirtschaft beeinflussen die Ernährungspyramide mehr als die Wissenschaft»). Dies hat auch Auswirkungen auf das Klima.
Weniger Fleisch zu essen bleibt eine der schnellsten, einfachsten und kostengünstigsten Möglichkeiten, Emissionen zu reduzieren. Es erfordert keine neuen Technologien, keine Zustimmung des Parlamentes, keine Subventionen oder Steuergutschriften (siehe meinen Artikel «Mit 55 Prozent weniger Fleisch essen, verbessern wir unsere Gesundheit und das Klima»)
Und das ist relevant, weil viele andere Möglichkeiten zum Aufhalten des Klimawandels teurer, politisch brisant oder einfach nicht verfügbar sind. In den USA auch deshalb, weil die Antiklimapolitik der Trump-Regierung alles tut, um Umweltregulierungen und die Förderung sauberer Energien abzuschaffen.
Die neuen Ernährungsrichtlinien der USA werden zu einer Belastung für die Umwelt und die Gesundheit der Amerikaner führen. Und sie kommen genau den Branchen zugute, vor denen Kennedy gewarnt hatte, bevor er als Gesundheitsminister der Trump-Regierung offenbar sein Rückgrat am Haupteingang vom Weissen Haus abgegeben hat.
«Die neuen Ernährungsrichtlinien für die USA sind einfach verrückt»
Wenn die US-Amerikaner ihre Proteinzufuhr als Reaktion auf die neuen Empfehlungen der Regierung um nur 25 Prozent erhöhen (wie bisher überwiegend in Form von Fleisch), würde dies jährlich über 400‘000 Quadratkilometer zusätzliche landwirtschaftliche Fläche erfordern, schreibt die unabhängige Denkfabrik World Resources Institute.
Das entspricht einer Fläche, so gross wie Kalifornien und um einiges grösser als Deutschland. Und die jährlichen Emissionen würden um Hunderte Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent erhöht.
«Die neuen Ernährungsrichtlinien sind einfach verrückt», sagt Michael Greger, Arzt und Gründer von NutritionFacts.org. «Wenn Ernährungsrichtlinien Medizin wären, wäre dies ein Behandlungsfehler.»



Vielleicht verknüpfe ich auch die falschen Sachen, aber hat Trump wohl Druck ausgeübt, weil er eine Lösung für das Farmersterben braucht? Das war - soweit ich mich erinnere - doch auch eine nicht ganz unrelevante Wählergruppe.
So etwas Verrücktes habe ich lange nicht gelesen. Das Umdrehen der Ernährungspyramide ist ein Sinnbild dafür, wie diese Regierung alles auf den Kopf stellt, was einem alleine schon der gesunde Menschenverstand sagt.